22. Internationale Aids-Konferenz in Amsterdam, Niederlande

Nathan Schocher, Andreas Lehner und Caroline Suter berichten aus Amsterdam

Die 22. Internationale Aids-Konferenz in Amsterdam hat begonnen. Eine Delegation der Aids-Hilfe Schweiz ist vor Ort  und berichten täglich von der Konferenz.

Weiter Informationen zur Konferenz finden Sie unter: www.aids2018.org  und dem  News-Ticker der Deutschen Aids-Hilfe

22nd International AIDS Conference (AIDS 2018) Amsterdam, Netherlands. Photo shows: The Closing Party in the Global Village. ©Steve Forrest/Workers' Photos/ IAS

FREITAG, 27.7.2018

Aids2018 Amsterdam, Aids2020?

Heute Freitag geht die 22. Internationale Aids-Konferenz zu Ende. Es war eine spannende, vielfältige Konferenz und Amsterdam ein idealer und toleranter Austragungsort. Die nächste Konferenz 2020 soll in San Francisco stattfinden. Sehr viele Leute und Organisationen, insbesondere auch aus den USA protestieren gegen diesen Veranstaltungsort, da die USA unter der aktuellen Regierung die Menschenrechte vieler Personen, darunter Immigrant_innen, Menschen anderer Ethnien, LGBTI* und Sexarbeitende verletzen (#AIDS2020ForAll  www.HIVPowerShift.com).

Problematische Komorbiditäten

Zahlreiche Menschen mit HIV weisen Komorbiditäten auf, wie Tuberkulose, Hepatitis, Krebs, Bluthochdruck oder psychische Erkrankungen. Während in den USA im Jahr 2000 30% der Menschen mit HIV an einer oder mehreren weiteren Krankheiten litten, waren es 2009 bereits 50% und man geht davon aus, dass diese Zahl weiter ansteigen wird. Wer an Komorbiditäten leidet, hat eine deutlich geringere Lebenserwartung. Viele dieser Krankheiten werden nicht oder zu spät diagnostiziert bzw. behandelt. Es gilt also Diagnose und Behandlung von solchen Nebenerkrankungen zu verbessern – eine grosse Herausforderung in den nächsten Jahren.

Kürzungen gefährden globalen Kampf gegen HIV/Aids

Verschiedene Forscher_innen äusserten Befürchtungen, dass Ausgabenkürzungen von Regierungen die Fortschritte im Kampf gegen HIV/Aids zunichtemachen könnten. Ein Bericht der Kaiser-Family-Foundation und der UNAIDS stellt fest, dass 8 von 14 geldgebenden Regierungen ihre Ausgaben für den globalen Kampf gegen HIV/Aids reduziert haben. Die Studie macht darauf aufmerksam, dass weiterhin ein Grossteil der HIV-Präventions- und Behandlungsprogramme ohne Entwicklungshilfe nicht finanziert werden kann, insbesondere in den am härtesten betroffenen Ländern.

Donnerstag, 26.7.2018

Appell gegen die Kriminalisierung von HIV-Positiven lanciert

Die Kriminalisierung von HIV-Positiven ist häufiges Thema an der Konferenz. Über 68 Länder haben spezifische Gesetze gegen die Nichtoffenlegung, Exposition oder Übertragung von HIV. 33 Länder wenden andere Bestimmungen des Strafrechts gegen HIV-positive Menschen an. Auch wenn einige Länder Fortschritte gemacht haben, wie z.B. die Schweiz, wo Art. 231 StGB nicht mehr auf HIV-Fälle anwendbar ist und Strafverfolgungsbehörden die Nichtinfektiosität von HIV-positiven Menschen mit unterdrückter Viruslast anerkennen, gilt es, weltweit bestehende HIV-Gesetze abzuschaffen, weil sie unwirksam, ungerechtfertigt und diskriminierend sind. Zwanzig der weltweit führenden HIV-Experten haben an der Konferenz ein Statement veröffentlicht, welches Mediziner_innen, Regierungen und Judikatur dazu aufruft, stets auf der Basis von wissenschaftlicher Evidenz anstelle von Stigmatisierung und Angst zu entscheiden («Expert consensus statement on the science of HIV in the context of criminal law».

Bespiel U.S.A.

Ein HIV-positiver US-Amerikaner berichtete über seine eigenen Erfahrungen mit der Kriminalisierung. Nach der Trennung wurde er von seinem Ex-Freund angezeigt, weil er ihm gegenüber seinen HIV-Status nicht offengelegt hatte. Zu einer Übertragung ist es nicht gekommen. Er musste für 6 Monate ins Gefängnis und wird für 15 Jahre als Sex Offender registriert. Diese Registrierung wird in Zeitungen und im Internet veröffentlicht und erscheint auf dem Fahrausweis, welcher in den USA quasi als ID dient. Seine Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt, da er sich nicht in die Nähe von Schulen und Pärken begeben darf. Viele Arbeitgeber stellen explizit keine als Sex Offender registrierten Personen an, Hauseigentümer vermieten keine Wohnungen und wer als Sex Offender registriert ist, verliert sein Wahlrecht.

Studien zum Schwedenmodell zeigen Verschlechterung der Situation von Sexarbeitenden

An der Konferenz wurden Studien vorgestellt, die das so genannte Schwedenmodell in der Regulierung der Sex-Arbeit untersuchen. Im Schwedenmodell werden die Kunden von Sexarbeit bestraft. Kanada hat 2014 dieses Modell eingeführt. Im Fokus der Studie standen 900 Sexarbeiterinnen. Nach Einführung der neuen Gesetzgebung stellte die Studie bei ihnen einen signifikant reduzierten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen fest. Eine zweite Studie befasste sich mit Frankreich, wo das Schwedenmodell 2016 eingeführt wurde. In einer qualitativen Studie von Médecins du Monde wurde eine Zunahme der sozioökonomischen Vulnerabilität festgestellt: Gewalt gegen Sexarbeiter_innen hat zugenommen, ihre Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert und die Sexarbeiter_innen berichten von verstärkten Schwierigkeiten, gegenüber den Kunden auf Kondomgebrauch zu bestehen. Linda-Gail Bekker, die Präsidentin der International Aids Society, rief deshalb auf, diese Formen der Kriminalisierung der Sexarbeit zu beenden und im Dienste der öffentlichen Gesundheit auf eine Entkriminalisierung der Sexarbeit hinzuarbeiten. 

Sex Worker's Opera (Global Village) © International AIDS Society/Marten van Dijl © International AIDS Society/Marten van Dijl
Sex Worker's Opera (Global Village)

Mittwoch, 25.7.2018

Die Suche nach Heilung und Impfung dauert an

Therapien, die darauf abzielen, virale Reservoirs zu reduzieren oder eine Remission hervorzurufen, sind vielversprechend, jedoch bleibt die Heilung von HIV ein langfristiges Ziel. HIV-Reservoirs hängen direkt zusammen mit dem Absterben von infizierten Zellen im Blut, das heisst je mehr Zellen absterben, desto mehr neue Zellen produziert das Reservoir. Um die Methoden zur Erkennung und Messung hartnäckiger Virusquellen zu verbessern, bedarf es der wissenschaftlichen Grundlagenforschung.

In mathematischen Modellen weiss man, wie eine Impfung gegen HIV wirken könnte, in der Praxis bleibt die Frage bestehen, ob dieser Ansatz bei Menschen auch funktioniert.

ART 2018

Bis anhin bestehen die antiretroviralen Therapien aus drei Wirkstoffen, neue Studien zeigen, dass eine Tablette mit zwei Wirkstoffen, Dolutegravir und Lamivudin, genauso gut wirkt. Der Vorteil einer solchen Therapie liegt in geringerer Toxizität und geringeren Kosten.

Der Wirkstoff Dolutegravir steht allerdings momentan in der Kritik, weil einige Fälle von Neuralrohrdefekt bei Neugeborenen aufgetreten sind. Studien zeigen bislang keine eindeutigen Ergebnisse. Die WHO empfiehlt deshalb aktuell, Dolutegravir bei Frauen mit Kinderwunsch nicht einzusetzen.

Engagement von Sir Elton John

An einer Pressekonferenz stellte Sir Elton John ein verstärktes Engagement der Elton John Foundation in Osteuropa und Ländern der Subsahara vor, das insbesondere auf LGBT und Drogenkonsumierenden ausgerichtet ist. «Wenn es nicht diese Engstirnigkeit und diesen Hass gäbe, könnte die Krankheit viel schneller ausgemerzt werden», so Elton John.

Pressconference Eastern Europe and Central Asia with Elton John Aids Foundation receiving a 1 million euro donation of The Netherlands. ©Rob Huibers/AIS ©Rob Huibers/AIS
Pressconference Eastern Europe and Central Asia with Elton John Aids Foundation receiving a 1 million euro donation of The Netherlands.

Dienstag 24. Juli 

Heimtests auf dem Vormarsch

Der Dienstagvormittag startete mit einer von Biosynex (Hersteller eines Heimtests) einberufenen Veranstaltung zum Thema Selbsttestung. Michel Sidibe, Direktor der UNAIDS, wies auf die Wichtigkeit des Heimtests hin, um die 90-90-90 Ziele zu erreichen. Auch Silke Klumb von der Deutschen Aidshilfe begrüsste die Einführung von Heimtests als neues Instrument zu Erreichung dieses Ziels. Wichtig sei vor allem auch «Linkage to care»: Die Leute, die positiv getestet werden, sollen danach auch entsprechend medizinisch betreut werden. Ein Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Yaounde, François-Xavier Mbopi-Keou berichtete, dass der Heimtest in Kamerun verwendet wird, um auch rurale Gebiete zu erreichen. Denn dieser kann auch von Nicht-Mediziner_innen eingesetzt werden, welche entsprechend geschult werden.

Grosse Prominenz in Amsterdam

Die Plenumsveranstaltung von Dienstagvormittag eröffnete die südafrikanische Schauspielerin Charlize Theron, welche sich seit Jahren im Bereich HIV engagiert. Sie betonte, dass Amsterdam der ideale Ort für die Austragung einer Weltaidskonferenz sei, da es eine Stadt der Inklusion, Meinungsäusserungsfreiheit und Toleranz sei. Auch Prinz Harry, der Duke von Sussex und Elton John nahmen an dieser Veranstaltung teil.

HIV in Osteuropa: grosser Handlungsbedarf

Inhaltlich wurden zunächst die aktuellen Zahlen präsentiert: 2017 lebten 36.9 Millionen Menschen mit HIV, wovon 17.5 Millionen eine unterdrückte Viruslast hatten und es gab 1.8 Millionen neue Infektionen. Danach widmeten sich verschiedene Referenten dem Thema Überwindung von Barrieren der Ungleichheit im Kampf gegen HIV. Es wurde dabei der Fokus auf die besonders vulnerablen Gruppen gelegt: Mädchen und junge Frauen in Tansania, Drogeninjizierende in Osteuropa, MSM in Subsahara, indigene Völker in Südamerika und Sexarbeitende in Afrika. Rund 1.7 Millionen Drogeninjizierende leben mit HIV. Auch für diese Gruppierung stellt der Heimtest ein wichtiges Mittel dar, jedoch gilt es unbedingt, den Zugang zur medizinischen Behandlung zu verbessern. Hier besteht insbesondere in Osteuropa ein hoher Nachholbedarf. In Russland, wo es keinerlei Substitiontsprogramme gibt, ist die Lage besonders gravierend. Die Zahl der Drogeninjizierenden ist enorm hoch und über 30% von ihnen leben mit HIV. Insbesondere Frauen, die Drogen injizieren, werden diskriminiert. Eine Rednerin aus der Ukraine endete ihre Rede mit „Chase the virus, not the people“.

HIV-Threapie wirkt - PrEP auch

An der offiziellen Pressekonferenz wurden Ergebnisse der Partner2-Studie vorgestellt: Serodiskordante schwule Paare, bei denen der HIV-positive Partner unter Therapie ist, wurden bezüglich Ansteckungsrisiko beobachtet (972 Paare). 15 Männer haben sich im Untersuchungszeitraum mit HIV infiziert, doch bei allen konnte nachgewiesen werden, dass sie sich nicht innerhalb der Partnerschaft angesteckt haben. Dies bedeutet: weiterhin 0 Ansteckungen, wenn der Partner undetectable ist. Die Studie wurde vorgestellt von Alison Rodger, Clinical Director of Public Health am University College London.

Ebenfalls vorgestellt wurden Resultate der ANRS Prevenir-Studie, dies ist die Nachfolgestudie zur französischen Ipergay-Studie zu PrEP bei schwulen Männern. 1435 PrEP-User konnten wählen, ob sie PrEP on demand oder täglich PrEP einnehmen wollen. Es gab 0 Neuinfektionen im Untersuchungszeitraum bei beiden Einnahmeschemen. Keine Nebenwirkungen wurden festgestellt. Man geht davon aus, dass durch die PrEP-Einnahme bei den Teilnehmern der Studie 85 Infektionen verhindert wurden. Diese Studie wurde vorgestellt von Jean-Michel Molina von der Universität Paris Diderot.

Conchita, Austria speaking at The Opening Plenary Session ©International AIDS Society/Steve Forrest ©International AIDS Society/Steve Forrest
"Wie lange wird es noch dauern, bis alle Menschen Zugang zu erschwinglichen Therapien haben, die sie brauchen?" ESC-Gewinnerin Conchita Wurst

Montag 23. Juli 

Eröffnungs Zeremonie

Mit einer Zeremonie, an welcher u.a. Conchita Wurst teilgenommen hat, wurde die 22. Welt-Aids-Konferenz am Montagabend, 23. Juli 2018 offiziell eröffnet.

Aids Action Europe

An einem Treffen von Aids Action Europe, einem europäischen Netzwerk von HIV-Organisationen, dem auch die Aids-Hilfe Schweiz angehört, wurden die aktuellen Herausforderungen wie Kriminalisierung, Finanzierung und Zusammenarbeit in Europa diskutiert.

Andreas Lehner, Stv. Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz

Zugang zu PrEP in Europa:

Die Schweiz, Frankreich und Portugal informierten an einem Community-Event im Global Village über ihre Erfahrungen betreffend Zugang zur PrEP. Andreas Lehner, Aids-Hilfe Schweiz berichtete über Informationsstand und Zugangsmöglichkeiten in der Schweiz. Mehr  Informationen zu PrEP

   

Tagesschau, 23.07.2018

Textversion

Tagesschau, 23.07.2018.
Die UNO will den HI-Virus bis 2030 stoppen. Doch Experten warnen an der Welt-Aids-Konferenz vor einem Rückschlag. In vielen Ländern steigen die HIV-Zahlen.

«Breaking Barriers, Building Bridges» 

Loga AIDS 2018

Mit dem Thema der diesjährigen Konferenz «Breaking Barriers, Building Bridges» (Grenzen überwinden, Brücken bauen) wird auf die Notwendigkeit von rechtsbasierten Ansätzen aufmerksam gemacht, um die verschiedenen Zielgruppen, insbesondere auch in Osteuropa und Zentralasien sowie in den Regionen Nordafrikas und des Mittleren Ostens effektiver zu erreichen. Eine Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg soll dazu führen, dass alle Menschen weltweit Zugang zum HIV-Test, Prävention und medizinischen Behandlung erhalten und Diskriminierungen von Menschen mit HIV effektiver bekämpft werden können.

Bildstrecke: Internationale Aids-Konferenz in Amsterdam