Welt-Aids-Tag 2018 - «Falsche Vorstellungen führen zu Diskriminierung und Stigma»

«Falsche Vorstellungen führen zu Diskriminierung und Stigma»HIV ist unter erfolgreicher Therapie nicht mehr übertragbar. In der Schweiz trifft dies für über 95 Prozent aller HIV-Patienten und -Patientinnen zu. Doch obwohl das Swiss Statement dies bereits 2008 publik machte, ist dieses Wissen längst nicht allgemein bekannt. Zwar informierte die Aids-Hilfe Schweiz in den vergangenen Jahren schwule Männer, nicht aber die breite Bevölkerung. Das will sie mit einer Öffentlichkeitskampagne ändern. Warum dies wichtig ist, warum die Botschaft bisher nicht so richtig rübergekommen ist und wie es nun gelingen soll, erklärt Andreas Lehner, der neue Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz, im Interview.

Andreas Lehner Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz
Andreas Lehner, Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz

Interview zur Kampagne mit Andreas Lehner, Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz  

«Falsche Vorstellungen führen zu Diskriminierung und Stigma»

HIV ist unter erfolgreicher Therapie nicht mehr übertragbar. In der Schweiz trifft dies für über 95 Prozent aller HIV-Patienten und -Patientinnen zu. Doch obwohl das Swiss Statement dies bereits 2008 publik machte, ist dieses Wissen längst nicht allgemein bekannt. Zwar informierte die Aids-Hilfe Schweiz in den vergangenen Jahren schwule Männer, nicht aber die breite Bevölkerung. Das will sie mit einer Öffentlichkeitskampagne ändern. Warum dies wichtig ist, warum die Botschaft bisher nicht so richtig rübergekommen ist und wie es nun gelingen soll, erklärt Andreas Lehner, der neue Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz, im Interview.  

Wenn das HI-Virus nicht nachweisbar ist, kann es zu keiner HIV-Übertragung mehr kommen. Darüber hat bis jetzt die Kampagne #undetectable schwule Männer aufgeklärt. Nun kommt die Kampagne für alle. Weshalb?

Zum einen, weil es höchste Zeit ist, dass sich ein aufgeklärtes Bild von HIV und HIV-Patienten durchsetzt, das dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entspricht. Im Moment werden HIV-Positive noch viel zu oft als latente Gefahr für andere betrachtet. Dabei sind in der Schweiz weniger als fünf Prozent aller HIV-Patienten überhaupt noch ansteckend. Doch falsche Vorstellungen führen zu Diskriminierung und Stigma. 

Und zum anderen?

Weil die HIV-Therapie die Viruslast so stark unterdrückt, dass sich das Virus nicht mehr weiterverbreiten kann, ist sie heute ein zentraler Pfeiler der Prävention. Tatsächlich ist es nicht zuletzt dieses Wissen, das die meisten HIV-positiven Menschen veranlasst, schnell mit der Therapie zu beginnen, wodurch sich wiederum die Virenlast zeitnah unterdrücken lässt. Heute wird das HI-Virus meist übertragen, weil Menschen ihren Status nicht kennen. Sich testen zu lassen und seinen Status zu kennen ist heute also eine zentrale Aufgabe. Je weniger HIV zu Stigmatisierung führt, umso kleiner ist die Angst vor dem Test. 

Gemeinsam gegen die Angst © emoji company GmbH. All rights reserved.

Die Botschaft wurde 2008 erstmals publik gemacht, doch erst jetzt kommt eine breite Öffentlichkeitskampagne. Warum hat das so lange gedauert?

Das hat mehrere Gründe. Zunächst war das sogenannte Swiss Statement, das Sie ansprechen, noch recht defensiv formuliert. Das heisst, man sprach nur von Nicht-Infektiosität, wenn eine Reihe von Bedingungen erfüllt war, zum Beispiel, dass ein Patient zusätzlich zur erfolgreichen Therapie auch keinerlei andere Geschlechtskrankheiten hatte. Und anfänglich meldeten auch einige Fachleute Zweifel an der Allgemeingültigkeit der Aussage an.  

Die sind heute ausgeräumt?

Zu hundert Prozent, ja. In der Folge des Swiss Statements wurden zwischen 2011 und 2016 drei sehr umfangreiche Studien durchgeführt mit HIV-Positiven, die unter Therapie mit ihren Partnern Sex ohne Kondom hatten. Unabhängig davon, ob hetero- oder homosexueller Geschlechtsverkehr, sind die Resultate sehr deutlich: Es hat bei über 75 000 Akten keine einzige HIV-Übertragung gegeben. Und zwar völlig unabhängig von den ursprünglich genannten Bedingungen wie der Abwesenheit anderer Geschlechtskrankheiten und so weiter. Aufgrund dieser klaren Faktenlage haben Wissenschaftler, Vertreter der WHO, von UNAIDS und den wichtigsten nationalen Gesundheitsministerien an der diesjährigen Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam einstimmig bestätigt: Nicht nachweisbar heisst nicht ansteckend. Punkt. 

Erst jetzt wenden Sie sich an die breite Bevölkerung – weil vorher die Botschaft zu kompliziert war?

Das ist ein wichtiger Grund. Allerdings war die Botschaft nicht nur zu kompliziert, weil zusätzliche Bedingungen an die zentrale Aussage geknüpft waren.   Vielmehr mussten auch wir, die Fachleute und Organisationen auf dem Gebiet, überhaupt erst lernen, was diese neue Erkenntnis eigentlich für wen bedeutet. Ganz am Anfang standen zunächst einfach Menschen mit HIV selber im Mittelpunkt. Bei gut informierten Patienten löste das Swiss Statement unglaubliche Freude, Erleichterung, ja gar Jubel aus. Stellen Sie sich vor: Seit Jahren leben Sie mit dem Bewusstsein, dass von Ihnen eine Gefahr für andere ausgeht, vor allem für Ihren Partner oder Ihre Partnerin. Da bedeutet die Botschaft, dass Sie nicht mehr ansteckend sind, weit mehr als nur Sex ohne Kondom. Sie führt zu einer gänzlich neuen Sicht auf sich selber, zu einer wahren Befreiung. 

Gemeinsam für die Lust © emoji company GmbH. All rights reserved.

Am Anfang war es also eine Botschaft vor allem für HIV-Positive?

Genau. Doch sehr schnell erkannte man das Potenzial aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit: Therapie als Prävention. Dieses Schlagwort machte in Fachkreisen die Runde, wobei auch da wiederum kontrovers diskutiert wurde. Zum Beispiel darüber, ob man das besser gar nicht zu laut sagen sollte, weil damit unbeabsichtigt der Gebrauch von Kondomen unterminiert würde. Doch was sich als schwierigste Frage erwies, war tatsächlich: Wie verpacken wir das in eine Botschaft, die alle erreicht? Denn anfangs betrachteten HIV-Fachleute und -Organisationen in der ganzen Welt das Thema sehr theoretisch und konnten es noch nicht richtig auf den Punkt bringen.  

Woran zeigte sich das?

Eine Zeit lang versuchten wir, die Diskussion über «Therapie als Prävention» in die Öffentlichkeit zu bringen. Doch so wichtig das im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit ist, so wenig kann der Einzelne damit anfangen. Die Botschaft muss nicht auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene ansetzen, sondern beim Individuum. In den USA haben Präventionsorganisationen sogar die Wirkung verschiedener Slogans getestet. Da hat sich einmal mehr gezeigt, dass bei einer ganz stark persönlichen Perspektive bei HIV-Positiven und HIV-Negativen unterschiedliche Slogans verfangen. Für Erstere wäre etwa «Ich gebs nicht weiter!» sehr geeignet, für Letztere eher: «Es kann nicht übertragen werden.»

Wie geht nun die aktuelle Kampagne das Thema an?

Bei der Kampagne für den 1. Dezember werden wir emotional kommunizieren: «Gemeinsam für die Liebe und die Lust, gemeinsam gegen die Angst». Damit die ganze Gesellschaft versteht, dass die Angst vor HIV-positiven Menschen völlig unbegründet ist. Wir müssen nach wie vor Respekt vor dem HI-Virus haben, aber eben dort, wo es gefährlich ist: in der Schweiz in den allerwenigsten Fällen in Menschen mit einer HIV-Diagnose, sondern vor allem in Menschen, die meinen, sie seien HIV-negativ. 

Das Interview führte Stéphane Praz.   

Mehr zum Thema
HIV-positiv und nicht ansteckend? und Schutz durch Therapie

Interview 9.11.2018 Radio SRF 
Mit Andreas Lehner, Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz

Veranstaltungen zum Welt-Aids-Tag 2018
Zahlen zu HIV/Aids
Was wir tun - Projekte