Muss man eine HIV-Infektion bei Ausbildungen oder Berufen im Gesundheitswesen angeben?

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Frau I. T

Ich bin Berufsberaterin und betreue eine Klientin, die HIV-positiv ist. Sie ist momentan dabei, sich beruflich neu zu orientieren, und wir diskutieren Berufe im Gesundheitswesen, etwa die Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit.  Sie nimmt regelmässig HIV-Medikamente und ist voll leistungsfähig.  Aus Erfahrung weiss ich, dass zu Beginn von Ausbildungen im medizinischen Bereich jeweils ausführliche Gesundheitsfragen gestellt werden. Ist sie verpflichtet, ihre HIV-Infektion anzugeben? Könnte dies gar ein Ausschlussgrund sein? Muss man eine HIV-Infektion bei Ausbildungen oder Berufen im Gesundheitswesen angeben?

Antwort von Dr. iur. Caroline Suter

In der Schweiz sind HIV-positive Menschen rechtlich für alle Berufe zugelassen. Es gibt kein Arbeitsverbot aufgrund von HIV. Dies wäre weder verhältnismässig noch epidemiologisch gerechtfertigt. Dies gilt auch für Berufe im medizinischen Bereich, wie im vorliegenden Fall für den Pflegeberuf. Bei Einhaltung der in diesem Bereich sowieso erforderlichen Hygiene- und Schutzmassnahmen (Blut und Körperflüssigkeiten sind gemäss Richtlinien der SUVA und des Bundesamts für Gesundheit BAG immer als potenziell infektiös zu betrachten), besteht in der Regel keine Übertragungsgefahr. Auch für Ausbildungen dürfen keine strengeren Regeln gelten. Deshalb müssen Auszubildende gleich wie die Arbeitnehmenden nur über diejenigen (gesundheitlichen) Dinge informieren, die in direktem Zusammenhang mit dem konkreten Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis stehen. Es ist dem Arbeitgeber oder dem Ausbildungszentrum also beispielsweise erlaubt, nach Krankheiten und/oder Operationen zu fragen, die sich auf die Ausübung der vorgesehenen Stelle/Ausbildung auswirken können, da dann ein direkter Zusammenhang (eine Einschränkung) besteht. Zu denken ist dabei beispielsweise an eine Person, die eine Rückenoperation hatte und aufgrund der Rückenoperation nur kurze Zeit stehend arbeiten kann.

Sie schreiben, dass Ihre Klientin voll leistungsfähig ist: Aus diesem Grund muss sie die HIV-Infektion nicht angeben, da diese keine Auswirkungen auf die gewünschte Ausbildung respektive den Beruf hat. 

Weder durch die HIV-Infektion noch durch die HIV-Medikamente ist die Arbeitsfähigkeit in der Regel eingeschränkt. Sie schreiben, dass Ihre Klientin voll leistungsfähig ist: Aus diesem Grund muss sie die HIV-Infektion nicht angeben, da diese keine Auswirkungen auf die gewünschte Ausbildung respektive den Beruf hat. Zudem schreiben Sie, dass Ihre Klientin regelmässig HIV-Medikamente nimmt. Dadurch dürfte ihre Viruslast unter der Nachweisbarkeitsgrenze liegen. Dies bedeutet, dass das HI-Virus gar nicht mehr übertragen werden kann.
Einzig bei medizinischem Personal, das invasive Tätigkeiten mit hohem Verletzungs- und Blutkontaktrisiko durchführt, empfiehlt das BAG, den Personalarzt (nicht aber den Arbeitgeber oder Vorgesetzten!) über eine bestehende HIV-Infektion zu informieren. Hierbei handelt es sich um eine Empfehlung, keine Pflicht. Invasive Tätigkeiten sind Tätigkeiten, in deren Verlauf die mit Handschuhen geschützten Hände der Medizinalperson an einer schlecht einsehbaren und/oder beengten Stelle im Körper des Patienten mit scharfen oder spitzen Instrumenten oder scharfen Gewebeteilen (Knochensplitter, Zähne) in Kontakt kommen können, also um typische Tätigkeiten eines Chirurgen. Nochmals anders sieht es aus, wenn eine Person antiretrovirale Medikamente nimmt und ihre Viruslast nicht mehr nachweisbar ist. Hier ist eine Übertragung ausgeschlossen, sodass selbst bei Berufen mit invasiven Tätigkeiten keine Information an den Personalarzt erfolgen muss.