«Ich musste lernen mir für HIV zu vergeben»

Vor fünf Jahren erhielt Christoph Philipp Klettermayer in Indien die Diagnose HIV-positiv. Er kann sich noch an jedes Detail jenes 2. Januar 2014 in Mumbai erinnern. Nach schwierigen Jahren hat Klettermayer einen Umgang mit seiner Krankheit gefunden. Nun ist er zum ersten Mal nach der Diagnose wieder nach Indien gereist.

Indien, Strasse

Juni 2019|Philipp Spiegel

Sobald ich den Flughafen verlasse, schlägt mir tropisch-schwüle Luft ins Gesicht. Der modrige, klebrig-süsse Duft Indiens überwältigt mich aufs Neue und löst eine Flut von Emotionen und Erinnerungen aus. Ich verspüre eine grosse Freude und muss lachen. Ich bin wieder da. Endlich. Dieses Lachen begleitet mich die nächsten Tage auf Schritt und Tritt. Voller Bewunderung und Begeisterung laufe ich durch die belebten Strassen. Endlich kann ich Indien in all seinen Farben und Formen geniessen. Ich schlendere von einem Chai-Shop zum nächsten, verschlinge köstliche Biryanis, Masalas und Dosas, bewundere den gelben Teint der staubigen Luft, die farbigen Saris, die geschmückten Geschäfte, die vom Monsun gezeichnete Stadt. So nerv tötend das unaufhörliche Gehupe ist, der Kakofonie kann sich niemand entziehen. Mit jeder Pore sauge ich diese chaotische, indische Übersättigung auf. Das war nicht immer so.

Wie alles anfing

Vor fünf Jahren wollte ich an einer Fotoreportage arbeiten, danach in den Zug steigen, um in den Süden Indiens zu reisen. Leicht und unbefangen. Sorglos. Mit dem Rucksack durch ein fremdes Land ziehen, ziellos, planlos. Mich einfach treiben lassen, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf – wie ich es nach meinem Studium bereits getan hatte. Einzig, so weit kam es nie. Denn in den ersten Tagen nach meiner Ankunft in Indien wurde ich in einem Ashram, durch Glück und durch Zufall, mit der Diagnose HIV-positiv konfrontiert. Nicht nur meine Pläne zerschlugen sich – mein ganzes Leben wurde von einem Moment zum nächsten auf den Kopf gestellt. Es zersprang in tausende Fragmente. Ich brach die Reise ab und verbrachte die längsten Nächte meines Lebens mit Warten auf den Rückflug. In jenen endlos langen, schlaflosen Nächten recherchierte ich alles zum Thema HIV. Ich war hilflos, einsam und hatte Angst vor dem Unbekannten.Die Panik, jemanden angesteckt zu haben, folgte auf den Fuss. In einem kleinen und lauten Internetcafé schrieb ich E-Mails und telefonierte mit Frauen, die ich vielleicht angesteckt hatte. 

«Dein HIV-Test kam zweimal positiv zurück.» Nie werde ich den Fluch jener Worte vergessen. Noch immer klingt der holländische Akzent, mit dem mir eine Frau die Diagnose offenbarte, in meinen Ohren nach. Noch immer sehe ich ihren mitleidigen Blick.

Es folgten der Trost und die Erleichterung, dass dem nicht so war. Gedanken an eine ungewisse Zukunft und die Angst, nach Hause zu fliegen – in ein Leben, in das ich nicht zurückkehren wollte. Ein Leben mit HIV. In jenen Nächten machte sich eine lähmende Angst und Dunkelheit in mir breit, die mich viele Jahre begleiten würde. Der blosse Gedanke an abenteuerliche Reisen rückte für lange Zeit in unerreichbare Ferne. Die Ängste und Verunsicherungen, die meine Diagnose begleiteten, infizierten meine Psyche und stellten mich vor zahllose Herausforderungen.

Indien, Frauen am Strand

Warum ich?

Jetzt, fünf Jahre später, sitze ich unter den hypnotisch rotierenden Blättern des Deckenventilators, schaue über die Dächer von Mumbai und finde endlich die banale Antwort auf die Frage, warum ich mich so lange vor dieser Reise gedrückt habe. Aus Angst. Angst davor, was diese Reise in mir auslösen würde. Was für Emotionen mich überwältigen würden und mit was für Konfrontationen ich rechnen müsste. Und Angst vor dem Stress, meine Medikamente zu verlieren. HIV gab mir ein Virus und nahm mir mein Selbstbewusstsein. HIV säte Zweifel, die sich in jedem Lebensbereich manifestierten. Jede Entscheidung, beruflich wie auch privat, wurde infrage gestellt, immer begleitet von der lauten Stimme in meinem Hinterkopf: «Du Idiot hast dir HIV eingefangen – warum soll ich dir bei anderen Entscheidungen vertrauen?». Dieser Endlosspirale und den Dämonen konnte ich nur mithilfe von psychologischer Betreuung begegnen. Es galt, wieder ein Selbstbewusstsein aufzubauen – und zu lernen, mir für HIV zu vergeben.

Reisen ohne Logistik? No way

Wer mit HIV reisen will und dazu noch weit weg, hat sich etlichen logistischen Herausforderungen zu stellen. Ich habe sie alle akribisch studiert. Es gibt noch immer über ein Dutzend Länder, in denen HIV-positiven Menschen die Einreise komplett verweigert wird. Daneben existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Einreisebestimmungen und Diskriminierungen gegenüber Menschen mit HIV. Die USA hielten noch 2009 ein Einfuhrverbot von HIV-Medikamenten aufrecht. Zum Glück ist Indien keines dieser Länder. Hier stellt meine Einreise kein Problem dar. Jedoch kommt Indien mit einem anderen Beipackzettel daher – nämlich einem Impfplan, der es in sich hat. Wer schon dort gewesen ist, weiss, wie viele fürchterliche Krankheiten man sich holen kann, aber auch, dass man sich vor vielen mit einfachen Impfungen schützen kann. 

Werde ich sterben? Werde ich Schmerzen haben? Werde ich noch reisen können? Kinder bekommen? Wie erzähle ich es meiner Familie? Meinen Freunden? Was werden sie denken? Werden sie mich verurteilen? Werde ich mich verändern? Wird man mir anse-hen, dass ich positiv bin? Kann ich es verheimlichen? Habe ich jemanden infiziert? Wie fragt man danach? Woher zur Hölle habe ich es? Warum ich?

Lange Zeit war mir nicht bewusst, dass mein Blutbild kein Problem für die vielen Impfungen darstellt. Seit über fünf Jahren bin ich HIV-postiv, seit viereinhalb Jahren in Therapie und unter der Nachweisgrenze. Unter diesen Voraussetzungen ist Impfen kein Problem. Schwierig wird es erst, wenn man nicht therapiert ist und das Immunsystem bereits Schaden genommen hat. Typhus, Cholera, Japan-B-Enzephalitis, Tollwut: Eine Impfung nach der anderen lass ich geduldig über mich ergehen. Doch daneben muss ich immer an meine Medikamente denken. Ich will meine Reise so planen, dass ich zur richtigen Zeit wieder zuhause bin, um meine routinemässige Blutuntersuchung zu machen und meinen dreimonatigen Medikamentenvorrat abzuholen. Den Vorrat will ich stets mittragen, stets auf dem Körper, stets im Handgepäck. Eine Woche vor meinem Abflug fange ich an, meine Einnahme zeitlich umzustellen: jeden Tag eine halbe Stunde früher, damit ich die Medikamente in Indien zu meiner gewohnten Zeit nehmen kann.Würde ich die Zeitverschiebung ignorieren, müsste ich sie in Indien spätabends einnehmen.

Indien, Baum

Angst vor Verlust oder Diebstahl

Andererseits besteht bei jeder Reise das Risiko, dass Sachen verloren gehen – oder gestohlen werden. Galten früher meine Gedanken meinem Pass, meinem Rucksack oder meiner Geldbörse, denke ich jetzt an meine Medikamente. In den Tagen vor meinem Indienflug wird Vergangenes an die Oberfläche gespült. Gedanken und Gefühle aus meinem Leben vor HIV, Erinnerungen an die letzten Tage und Wochen, in denen ich glaubte, HIV-negativ zu sein. Längst vergessene Szenen bedrängen mich – «Was wäre, wenn?» –, Szenen von früher, in denen ich mit Frauen rede, auf Partys oder in Bars bin. Parallel dazu die Wochen und Monate nach meiner Diagnose. Aus dieser Flut sticht ein Gedanke besonders hervor. Einer, den ich eine kurze Zeit lang hatte, den ich aber wieder völlig vergessen hatte – und der mir heute einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Der Wunsch, jemanden anzustecken – einfach um damit nicht allein zu sein. Nie war ich einsamer. All diese Erinnerungen kommen mir wie aus einem längst vergangenen Leben vor – als sähe ich mir Videoaufnahmen aus meiner Jugend an. Aus einer anderen Welt, mit anderen Gedanken, anderen Gefühlen, anderen Sorgen. Trotz des mehrfachen Versuchs, mich in dieses Leben vor HIV hineinzufühlen, schaffe ich es nicht. Und bin erleichtert. Der Mensch in diesem Video bin ich zum Glück nicht mehr – ich kann nicht mehr durch seine Augen sehen, ich kann ihn nur noch aus der Ferne beobachten. «Wahnsinn», denk ich und schüttle den Kopf. «Zum Glück liegt alles weit in der Vergangenheit.»

Back to India

Ich hatte mich geistig auf einen harte Konfrontation mit meiner Diagnose vorbereitet – auf viel Melancholisches, auf Trauer und das Schwelgen in Erinnerungen. Doch es kommt ganz anders. Diese Reise ist für mich eine Befreiung von der letzten. Vor fünf Jahren starrte ich voller Angst in eine ungewisse Zukunft und war mit meinem Leben wie auch meinem Tod konfrontiert. Ich wurde auf eine brutale, innere Reise geschickt, in der ich mein Umfeld nicht mehr wahrnehmen konnte. Heute sitze ich an derselben Stelle und beobachte das Jetzt, wie es sich vor mir entfaltet, und ich könnte weinen vor Freude. Jetzt verstehe ich, dass die HIV-Diagnose damals meine Sinne kastrierte. Was mir aufgrund meines Schockzustandes verwehrt war, eröffnet sich mir jetzt. Ich sauge den farbigen Wirbelsturm von Farben in mich auf – und verspüre ein Gefühl der Freiheit und Erlösung, wie ich es noch nie zuvor hatte. Meine Wahrnehmung ist geschärfter, meine Sinne nehmen alles intensiver auf. Ich habe diese Reise ins Innere überstanden; ein bisschen kommt es mir vor, als wäre es meine allererste Indienreise.

Dankbarkeit

Während mir HIV viel wegnahm, gab mir die Konfrontation mit HIV noch viel mehr zurück. Demut, Dankbarkeit und eine Wahrnehmung, zu der ich vorher schlicht und einfach nicht fähig gewesen war. Und klar – es musste in Indien passieren. Wo sonst? Es musste in einem Land passieren, in dem das Hässlichste und das Schönste Hand in Hand gehen. Einem Land, in dem radikale Widersprüche offenliegen und man trotz ohrenbetäubenden, chaotischen Lärms grosse Ruhe und Ausgeglichenheit finden kann. Und wo Reinkarnation ein tägliches Mantra ist. Hier ergibt der Satz «Mein Leben ist schöner mit HIV» erst richtig Sinn. Ich bin kein gläubiger Mensch. Aber dass ich mich in dem Jahr, in welchem ich ohne Behandlung höchstwahrscheinlich an Aids gestorben wäre, wie neugeboren fühle, hat eine wunderschöne Symbolik. Wenn ich diesen Text abgeschickt habe, schnalle ich meinen Rucksack um und wusle mich an den farbigen Ständen vorbei. An Menschen, die komatös am Boden schlafen, an eleganten Frauen in wunderschönen Saris, an lauten Glocken des Hindu-Tempels, an Kokosnussverkäufern, an den Rufen des Muezzins, an unzähligen krächzenden Raben, an Chai-Wallahs, an einer heiligen Kuh, an wundervoll duftenden Geschäften, an stinkenden Abwasserpfützen, an streunenden Hunden und an obdachlosen Kindern, die mir zuwinken und dabei laut lachen. Ich lache zurück. Und die Freude schmerzt. Auf ins nächste Kapitel. Time to make new memories. Thank you, India.

Philipp Spiegel

Philipp Spiegel
In meinem Leben als Fotograf heisse ich Christoph Philipp Klettermayer. In meinem Leben als Autor und Künstler heisse ich Philipp Spiegel – ein Pseudonym, das ausschliesslich für meine HIV-bezogenen Arbeiten steht und als persönliche Abgrenzung dient.

www.philipp-spiegel.com / www.cklettermayer.com