Stigmatisierung isoliert und kann töten

Angelo Barrile ist engagierter Facharzt und Politiker und lebt in Zürich. Er stellt eine zunehmende Stigmatisierung und Entsolidarisierung gegenüber gewissen Menschengruppen fest. Immer mehr kranke Menschen sind wegen ihrer Krankheit mit Vorurteilen konfrontiert und werden allein gelassen. Die Bereitschaft in der Gesellschaft sinkt, auch finanziell für ihr Wohl einzustehen. Ein Text des engagierten des Präsidenten der Zürcher Aids-Hilfe

Angelo Barrile

September 2018|Angelo Barrile

Als Hausarzt sehe ich täglich die unterschiedlichsten Menschen mit einer grossen Anzahl an Beschwerden und Anliegen. Es gehört zu meiner Arbeit und meinem Wesen, dass ich für sie da bin, ihr Leiden verstehe und sie im Rahmen meiner Möglichkeiten auf dem Weg zur Heilung oder der Behandlung begleite. Dabei ist jeder Mensch ein Unikat, hat seine eigene Geschichte und Erfahrungen, die ihn zu dem machen, was er ist. Es ist nicht meine Aufgabe, ihn dafür zu verurteilen, was er ist. Und es ist auch nicht meine Aufgabe, mich zu fragen, ob ein Mensch an seiner Krankheit «selber schuld» ist. Ich mache meine Behandlung nicht davon abhängig. Wo kämen wir denn hin, wenn ich bei einer Patientin mit hohem Blutdruck und Diabetes die Therapiemöglichkeiten voll ausschöpfe, aber bei ihrem Nachbar, der übergewichtig ist und das Leben lang geraucht hat, nur eine Behandlung «light» durchführe, nur weil er ungesünder gelebt und somit möglicherweise die Krankheit begünstigt hat? Und ich bin froh, dass ich diese Unterscheidung nicht vornehmen muss, denn die Krankenkasse übernimmt bei beiden die Kosten der Behandlung.

Ohne Solidarität geht gar nichts

Der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) 1996 lag ein Solidaritätsgedanke zugrunde: In unserem Land sollen alle die notwendige medizinische Behandlung bekommen, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Mit der Krankenversicherung wird dafür gesorgt, dass alle einen Zugang zu unserem Gesundheitswesen haben und dessen Kosten gedeckt sind. Aber ich stelle fest, dass dieser Konsens, diese Bereitschaft, finanziell für die Kranken einzustehen, bröckelt. Mit der jährlich steigenden Belastung der Haushalte durch die Gesundheitskosten und die Krankenkassenprämien beginnen immer mehr Menschen, diesen Grundsatz infrage zu stellen. Und so kommt es, dass gewisse Patient_innen von der Gesellschaft für ihre Krankheit selber verantwortlich gemacht werden und dass die Bereitschaft sinkt, die Krankheitskosten mitzutragen, frei nach dem Motto: «Wieso soll ich so viel für die Krankenkasse zahlen? Wenn der andere selber schuld ist an seiner Krankheit, soll er auch selber (finanziell) dafür geradestehen.» Abgesehen davon, dass man als kranke Person sowieso keine Wahl hat, als für das eigene Leiden «geradezustehen», finde ich diese Entsolidarisierung beunruhigend, da sie vereinzelt schon gefährliche Züge angenommen hat.

Stopp der Entsolidarisierung

Bei genauerem Hinschauen fällt auf, dass diese Entwicklung insbesondere in Bezug auf Krankheiten oder Menschengruppen auftritt, die ohnehin schon in vielen Köpfen mit einem Stigma belegt sind. Es betrifft insbesondere Suchterkrankungen, psychische Leiden, aber auch sexuell übertragbare Krankheiten (STI) und in dieser Gruppe hauptsächlich HIV/Aids. Es ist eine gefährliche Mischung aus Vorurteilen, die häufig Menschen betreffen, die sowieso am Rande der Gesellschaft leben, und impliziert die Verurteilung einer gewissen Lebensart, die nicht den eigenen ethisch-moralischen Vorstellung entspricht. Das ist natürlich nichts Neues. Denken wir an die Anfänge der HIV/ Aids-Epidemie zurück, als die Gesellschaft in der Verurteilung der Krankheit zwischen denen unterschied, die beim Sex oder Spritzentausch mit dem Virus in Kontakt gekommen waren, und denen, die bei einer Bluttransfusion angesteckt wurden. Was spielt das für eine Rolle für die Finanzierung der Behandlung? Na, keine, wie ich finde! Aber diese Meinung scheint tatsächlich nicht selbstverständlich zu sein.

Stopp den schwarzen Listen

Zu dieser Entwicklung in Richtung Entsolidarisierung gehört auch die Tatsache, dass derzeit neun Kantone sogenannte schwarze Listen für säumige Prämienzahler_innen führen (wobei zwei entschieden haben, diese wieder abzuschaffen). Für Menschen auf schwarzen Listen bedeutet dies: Es werden nur noch Notfallbehandlungen bezahlt. Und es ist kein Zufall, dass wir regelmässig erfahren, dass für Patient_innen auf schwarzen Listen kaum eine Krebsbehandlung, aber regelmässig Gesuche um die Finanzierung von HIV-Medikamenten abgelehnt werden. Und es ist die traurige Wahrheit: Diese Entsolidarisierung in Gestalt der schwarzen Listen hat schon mindestens einen Mann getötet. Er ist an Aids gestorben, und dies in der Schweiz, wo heutzutage dank der Behandlung niemand mehr an den Folgen der HIV-Infektion sterben müsste! Die Stigmatisierung und Verurteilung in den Köpfen ist somit nicht nur ein Problem der Menschlichkeit oder der Ethik, nein, sie macht kranke Menschen kränker und bedroht sogar ihr Leben.

Grenzen überwinden

Da kann und will ich als Arzt, Politiker und Mensch nicht einfach zuschauen. Mein Handeln entspricht meinem langjährigen Einsatz in der Politik, aber auch im Beruf, wo ich unter anderem sechs Jahre lang in der Psychiatrie und der Suchtmedizin gearbeitet habe. Es genügt nicht, nur auf politischer Ebene für die Finanzierung und den Ausbau von Hilfsangeboten und die Abschaffung der schwarzen Listen zu kämpfen, auch wenn dies ein zentraler Punkt meiner Politik ist. Wir müssen dafür sorgen, dass in der Gesellschaft dieser Trend zur Entsolidarisierung umgekehrt wird. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass diese Mauern in den Köpfen niedergerissen werden, dass die Stigmatisierung gewisser Menschen und Situationen abgebaut wird. Wir müssen uns aber auch selber an der Nase nehmen und fragen: «Wo stehe ich? Wo sind die Mauern in meinem Kopf und wie baue ich sie wieder ab?» Das ist der erste Schritt. Ich muss ins Handeln kommen und beginnen, meine eigenen Grenzen zu überwinden. Denn meiner Meinung nach kommt erst als zweiter Schritt das Umdenken der anderen in der Gesellschaft und später auch in der Politik. Schliesslich ist es doch so: Die Politiker_innen sollten die Meinung der Menschen vertreten, die sie gewählt haben. Somit kann die Politik nur etwas ändern, wenn sich der «Auftrag» an sie ändert, wenn sich die Ansichten und Anforderungen in und aus der Gesellschaft ändern.

Jeder Mensch ist einzigartig, hat seine eigene Geschichte und Erfahrungen, die ihn zu dem machen, was er ist. Es ist nicht meine Aufgabe, ihn dafür zu verurteilen, was er ist.

Zusammenfassend möchte ich Sie deshalb alle dazu aufrufen, aktiv zu werden oder weiterhin aktiv zu bleiben. Durch unseren Einsatz, unseren Kampf gegen Stigmatisierung und Verurteilung, durch Aufklärungsarbeit und Wissensvermittlung, aber auch einfach durch das Vorleben unserer Ideale und Menschlichkeit können wir Brücken bauen zu stigmatisierten Menschen und Krankheiten, Brücken bauen zur Solidarität mit kranken Menschen und nicht zuletzt Brücken bauen zu den Menschen, die auf verschiedenen Ebenen von Politik und Gesellschaft an den Schalthebeln der Entscheidungsfindung sitzen.

Durch das Überwinden von Grenzen und das Bauen von Brücken können wir gemeinsam Menschenleben retten!