HIV und das Herz

Die Frage, ob HIV und die HIV-Therapie den Alterungsprozess des Körpers beschleunigen, beschäftigt viele Menschen mit HIV. Die Ängste sind gross, die wissenschaftlichen Daten sind widersprüchlich. Mit der sogenannten M+A-Studie («Metabolism and Aging», «Stoffwechsel und Altern») ist derzeit nicht nur eine der umfassendsten Studien auf diesem Gebiet in Gang, sondern auch eine, deren Resultate aufzeigen, wie die Situation in der Schweiz ist.

Juli 2018|Stéphane Praz

PD Dr. med. Helen Kovari.©Marilyn Manser ©Aids-Hilfe Schweiz/Marilyn Manser
Helen Kovari PD Dr. med. Helen Kovari ist leitende Ärztin am Institut für Allgemeine Innere Medizin in der Klinik Hirslanden Zürich. Im Rahmen der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie forscht sie zudem am Universitätsspital Zürich. Sie ist als Infektiologin und HIV-Spezialistin sowohl in der Betreuung von Patienten wie in der Forschung tätig.

Frau Kovari, liegen erste Resultate der grossen Studie zu HIV und Altern vor?

Ja, wir haben erste Resultate zu HIV und Herz. Sie sind sehr ermutigend. Wir können sagen, dass HIV-positive Menschen kein erhöhtes Risiko für Verengungen und Verkalkungen der Herzkranzgefässe haben, also für die Vorstufen des Herzinfarkts.

Ist also die grosse Angst, dass HIV das Altern beschleunigt, unbegründet?

Ja, das zeigen unsere Daten. Zumindest was das Herz betrifft.

Vorgängige Studien ergaben ein gegenteiliges Bild. Wie erklären Sie sich die unterschiedlichen Resultate?

Die meisten dieser Studien wurden in den USA durchgeführt. Diese Resultate können nicht eins zu eins auf die Situation in der Schweiz übertragen werden. Die Anzahl Patienten mit unterdrückter Viruslast, die Therapien sowie die Gesundheitsversorgung insgesamt sind dort anders. Zudem gibt es Unterschiede bei den traditionellen Risikofaktoren wie Übergewicht, Cholesterinspiegel, Rauchen und so weiter.

Sie untersuchten gut behandelte Patienten. Wie verallgemeinerbar sind Ihre Resultate?

Praktisch alle unsere Studienteilnehmer sind unter Therapie und haben eine vollständig unterdrückte Viruslast. Das sowohl Männer als auch Frauen teil, Personen, die sich über homosexuellen oder heterosexuellen Geschlechtsverkehr angesteckt haben oder über Drogenkonsum. Die Resultate sind somit repräsentativ für den grössten Teil der HIV-positiven Bevölkerung in der Schweiz. Kürzlich publizierte Studienresultate aus anderen europäischen Ländern, etwa aus Dänemark, weisen in die gleiche Richtung.

Was genau haben Sie untersucht?

In der M+A-Studie untersuchen wir verschiedene Organe über mehrere Jahre und ermitteln, ob HIV und die antiretrovirale Therapie diese schädigen. Beim Herz untersuchen wir mittels Computertomografie die Herzkranzgefässe auf Ablagerungen von Kalk und Fett, sogenannte Plaques. Diese führen zur Verengung der Gefässe und schliesslich zum Herzinfarkt.

Sie haben entdeckt, dass in der HIVpositiven Gruppe bestimmte Arten von Plaques etwa gleich häufig auftreten, andere sogar seltener als in der HIV-negativen Kontrollgruppe.

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Plaques: verkalkte, stabile Plaques, die zu einer zunehmenden Verengung der Blutgefässe führen, sowie nicht verkalkte, entzündliche Plaques, die instabil sind und aufreissen können. Beide können zu Herzinfarkten führen. Die nicht verkalkten Plaques können zu einem sofortigen Gefässverschluss führen und sind deshalb gefährlicher. Wir haben tatsächlich gesehen, dass die stabilen Kalkplaques bei HIV-positiven Personen weniger häufig vorkommen als in der Kontrollgruppe. Wichtiger ist jedoch die Erkenntnis, dass nicht verkalkte Plaques, also die gefährlichen Ablagerungen, bei HIV-Positiven nicht häufiger vorkamen.

Weshalb?

Bisher ging man davon aus, dass nicht verkalkte, instabile Plaques bei HIV-positiven Personen häufiger vorkommen als bei gleichaltrigen, HIV-negativen Personen. Man postulierte, dass die chronische Entzündung im Rahmen der HIV-Infektion zu diesen Veränderungen führt. Wir haben gezeigt, dass das in unserer gut behandelten HIV-positiven Population nicht zutrifft. HIV scheint keinen schädigenden Einfluss auf die Gefässe zu haben, sofern jemand unter erfolgreicher antiretroviraler Therapie ist.

Wie erklären Sie sich, dass die HIV-positiven Personen sogar weniger Kalkplaques aufwiesen als die negative Vergleichsgruppe?

Viele der HIV-positiven Teilnehmer leben sehr gesundheitsbewusst. Zudem sind sie in regelmässiger, meist vierteljährlicher, medizinischer Kontrolle. Dabei werden nicht nur die HIV-Werte kontrolliert, sondern unter anderem auch der Blutdruck, das Körpergewicht und das Cholesterin, und gegebenenfalls auch behandelt. In der gleichaltrigen Allgemeinbevölkerung ist das nicht die Regel.

Welches sind die Risikofaktoren für die Erkrankung der Herzkranzgefässe?

Wie in der Allgemeinbevölkerung sind es die klassischen Faktoren, die stark mit Verkalkungen und Verengungen der Herzkranzgefässe vergesellschaftet sind: allen voran Rauchen, aber auch hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte und Diabetes mellitus. Betreffend HIV haben wir gefunden, dass Personen, die einmal eine sehr tiefe CD4-Zellzahl hatten, ein grösseres Risiko für gefährliche Plaques haben. Wir ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass ein früher Therapiestart auch für das Herz sinnvoll ist.

Sie haben sich auch mit sogenannten Zufallsbefunden beschäftigt, die bei einer Untersuchung gar nicht im Fokus stehen. Wieso?

Als wir mit der Studie begannen, wurden wir mit vielen unerwarteten Befunden in den Computertomografie-Bildern konfrontiert. Wir entdeckten Dinge, die weiter abgeklärt werden sollten, nach denen
wir jedoch gar nicht gesucht hatten. Wir wollten klären, ob diese Zufallsbefunde bei HIV-positiven Personen häufiger auftreten als bei HIV-negativen Personen, möglicherweise durch die chronische Entzündung und Immunschwäche.

Was für Zufallsbefunde kommen oft vor?

Bei der Computertomografie der Herzkranzgefässe werden der ganze Brustkorb, also auch die Lunge, sowie die Oberbauchorgane dargestellt. Zufallsbefunde betreffen besonders häufig die Lunge sowie die Leber. Es finden sich häufig sogenannte Rundherde, die etwas Bösartiges, also ein Tumor, sein können. Diese Befunde ziehen weitere Abklärungen nach sich, manchmal sogar einen operativen Eingriff. Sie sind mit emotionalem Stress für die Patienten und mit hohen Kosten verbunden.

Gibt es Unterschiede zwischen der HIV-positiven und der HIV-negativen Vergleichsgruppe?

Wir konnten keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen feststellen. HIV ist also kein Risikofaktor für einen Zufallsbefund. Insgesamt gab es sehr viele Zufallsbefunde, nämlich bei rund der Hälfte aller untersuchten Personen. Bei zehn Prozent waren weitere Abklärungen notwendig.
Aber nur bei zwei Studienteilnehmern von rund fünfhundert wurde ein bösartiger Tumor diagnostiziert.

Gab es andere Faktoren, unabhängig vom HIV-Status, die mit einem Zufallsbefund assoziiert waren?

Je älter jemand war, desto wahrscheinlicher waren Zufallsbefunde. Ebenfalls gehäuft traten sie bei Rauchern auf. Klassische Risikofaktoren sind also auch hier zentral, während HIV keine Rolle zu spielen scheint.

Und wie gross ist der Einfluss von Ernährung und Sport auf die Cholesterinwerte von HIV-positiven Personen?

Cholesterin ist ein wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Viele HIV-Positive müssen cholesterinsenkende Medikamente einnehmen. Die HIV-Medikamente sowie HIV selber beeinflussen den Fettstoffwechsel stark. Doch zum Einfluss der Ernährung und der körperlichen Tätigkeit auf die Cholesterinwerte bei HIV-Positiven gab es praktisch keine Daten.

Hat die Studie auch dazu Erkenntnisse gebracht?

Ja. Auch bei HIV-Patienten haben Ernährungsmuster und körperliche Aktivität einen grossen Einfluss auf die Cholesterinspiegel, und zwar ganz unabhängig von den aktuellen HIV-Medikamenten oder dem Infektionsverlauf.

Es hängt also viel vom Lebensstil ab?

Ja, das ist sicher so. Bei HIV-positiven Personen sind die gleichen Faktoren entscheidend für ein erhöhtes HerzKreislauf-Risiko wie in der Allgemeinbevölkerung.

Was heisst das für die Praxis?

Unsere bisherigen Resultate weisen nicht auf notwendige Anpassungen der medizinischen Betreuung hin, zum Beispiel zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen. Im Gegenteil, sie bestätigen, dass sie gut ist. Die Resultate sind sehr wichtig für Menschen mit HIV. Aufgrund der bisher gewonnenen Erkenntnisse scheinen die teilweise von Angst geprägten Diskussionen um HIV und vorzeitiges Altern nicht berechtigt zu sein.

Die M+A-Studie

Ärzte messen bei tausend HIV-Patienten in der Schweiz, die mindestens 45 Jahre alt sind, verschiedene Werte wie die Knochendichte, die Nierenfunktion sowie die geistige Fitness. Zwei Jahre später führen sie dieselben Tests bei denselben Patienten nochmals durch. So stellen sie fest, bei welchen Patienten die Leistungen am stärksten abgenommen haben, also der Alterungsprozess am schnellsten fortschreitet.

2018 wurden die ersten Erkenntnisse der M+A-Studie in medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht. Sie sind für HIV-positive Menschen sehr ermutigend. Doch die Studie läuft weiterhin, die zweiten Untersuchungen sind noch nicht vollständig abgeschlossen. Weitere Erkenntnisse werden in den kommenden Monaten und Jahren laufend publiziert