Glanzlichter der EACS-Konferenz 2017

Alle zwei Jahre findet in einer europäischen Grossstadt der wichtigste europäische HIV-Kongressstatt: die Konferenz der European AIDS Clinical Society (EACS). Heuer versammelten sichvom 25. bis 27. Oktober in Mailand mehrere tausend Personen, um die neusten Fortschritte inder HIV-Medizin zu diskutieren.

© Silvia Märki / Universitätsspital Zürich
Dominique L. Braun arbeitet als Oberarzt in der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich. Seine Forschungsgebiete beinhalten die akute HIV-Infektion, die HIV/Hepatitis-C-Koinfektion und andere sexuell übertragbare Infektionskrankheiten.

Dezember 2017|Dr. Dominique L. Braun

Eindrücklicher Rückgang der HIV- Neuinfektionen bei MSM in London

Die Klinik Dean Street in London macht vor, wie mit innovativen und niederschwelligen  Testkonzepten zur Erkennung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten (STI) der HIV- und STI-Epidemie Einhalt geboten werden kann. Monatlich werden in der Dean Street über 12 000 MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) beraten, auf HIV und STI getestet und im Falle einer Infektion erfolgreich behandelt. Die Kombination der Frühbehandlung aller neu diagnostizierten HIV-Infektionen mit der niederschwelligen Abgabe der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) an HIV-negative MSM mit hohem HIV- Ansteckungsrisiko führte in London innerhalb der letzten drei Jahre zu einem Rückgang der HIV-Neudiagnosen um 90 Prozent. Diese Resultate machen Mut und können für andere Städte als Vorbild dafür dienen, gleichartige Konzepte auszuarbeiten und anzubieten.

Keine Zunahme von PrEP in Europa

Eine Umfrage der Dating-App «Hornet» zusammen mit der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC zur PrEP in Europa zeigte auf, dass die Anzahl von PrEP-Anwendern im Vergleich zum Vorjahr in Europa nicht zugenommen hat. Durchschnittlich gaben von den 12 053 Teilnehmern aus 55 Ländern 10 Prozent an, aktuell eine PrEP einzunehmen. Zwei Drittel der Befragten gaben die hohen Kosten als Grund dafür an, keine PrEPeinzunehmen. Alarmierenderweise antwortete ein Drittel der PrEP-Anwender, dass bei ihnen keine ärztliche Begleitung der PrEP stattfinde. Die Studie zeigt, dass im Bereich PrEP in Europa noch viel zu tun ist und weiterhin Anstrengungen unternommen werden müssen, um PrEP für die Anwender finanziell erschwinglich zu machen.

Hepatitis-C-Elimination in der Schweiz
Eine viel diskutierte Studie zu Hepatitis C(HCV) wurde aus der Schweiz präsentiert. Im Rahmen der Studie wurden innerhalb von neun Mo- naten alle 4000 HIV-infizierten MSM aus der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie auf HCV getestet. Insgesamt konnten 177 MSM mit einer aktiven HCV-Infektion identifiziert werden, davon waren 30 Infektionen Neudiagnosen und bis anhin nicht bekannt. In der darauffolgenden neunmonatigen Behandlungsphase wurden al- le HCV-infizierten MSM mit den neuen, hochwirksamen Hepatitis-C-Medikamenten behandelt und 99 Prozent von ihnen konnten geheilt werden. Das Ziel der Studie ist die Elimination von HCV bei den HIV-infizierten MSM in der Schweiz. Ob die Elimination gelingt, wird im Frühjahr 2018 nach Ende der Studie feststehen.

Hohe Wiederansteckungsrate von Hepatitis C nach erfolgreicher Behandlung
Mit der Verfügbarkeit der neuen, hochwirk- samen HCV-Medikamente können nun fast alle Betroffenen geheilt werden. Allerdings hinterlässt eine durchgemachte HCV-Infektion keinen Schutz, eine Person kann sich nach er- folgreicher Heilung erneut mit HCV anstecken. Dies zeigt sich eindrücklich in einer Studie aus Deutschland bei HIV-infizierten MSM: Jede siebte Person steckte sich nach erfolgreich behandelter Infektion erneut mit HCV an; die Hälfte von ihnen innerhalb eines Jahres. Die höchste Rate an Reinfektionen war in der Gruppe derjenigen MSM zu verzeichnen, die sogenannten «Chemsex» praktizierten, also den Gebrauch von Mephedron, Crystal Meth und GHB/GBL in Zusammenhang mit Sex. Aller- dings zeigen Studien auch, dass ungeschützter, passiver Analverkehr allein ausreicht, um sich mit HCV anzustecken. Da derzeit ein Anstieg der HCV-Infektionen auch bei HIV-negativen MSM zu verzeichnen ist, sollte bei HIV-nega- tiven MSM mit Hochrisikoverhalten ebenfalls eine Testung auf HCV empfohlen werden .

Hohe Wirksamkeit einer HIV-Zweifachtherapie

Zurzeit laufen weltweit mehrere Studien, welche die Wirksamkeit und Sicherheit einer HIV-Zweifachtherapie untersuchen. Diese hat zum Ziel, die Langzeitnebenwirkungen der bis anhin durchgeführten Dreifachtherapie zu reduzieren. Vielversprechend scheint die Kombination von Dolutegravir und 3TC zusein: Von den 33 Patienten unter dieser Kombination blieben nach 24 Wochen 97 Prozent virusunterdrückt. In Übereinstimmung mit anderen Studien zeigte sich allerdings ein ungenü- gendes virologisches Ansprechen unter einer Dolutegravir-Einfachtherapie. Die vorgestellte Studie bestätigt das grosse Potenzial einer HIV- Zweifachtherapie als zukünftige Behandlungs-option für eine Vielzahl von Patienten. Innerhalb der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie läuft aktuell eine Studie, welche die Wirksamkeit einer Zweifachtherapie mit Dolutegravir und Emtricitabin untersucht. An allen Schweizer Zentren werden zurzeit Patienten für den Einschluss in diese Studie namens «Simpl’HIV» rekrutiert.

Neue Einpillenkombinationstherapie zur Behandlung HIV-infizierter Personen

Die neue Einpillenkombinationstherapie Symtuza mit den Wirkstoffen Darunavir/Cobicis- tat/Tenofoviralafenamidfumarat (TAF)/Emtri- citabin ist nun in Europa zugelassen. In der Schweizstehtdie Zulassungnochaus. Über 700 bisher unbehandelte HIV-infizierte Personen erhielten Symtuza oder das Vergleichspräparat mit Tenofovirdisoproxilfumarat anstelle von TAF. Nach einem Jahr Behandlung mit Symtuza zeigte sich eine hohe Wirksamkeit mit einer un- terdrückten Viruslast bei über 90 Prozent der behandelten Patienten. Wichtig: Bei keinem der Patienten mit einem virologischen Versagen traten Resistenzen auf, zudem fand sich unter Symtuza eine Verbesserung der Nieren- und Knochendichtewerte. Symtuza wird zukünftig eine wichtige Alternative für Patienten sein, welche die modernen Integrasehemmer wie Dolutegravir aufgrund von Nebenwirkungen nicht tolerieren.

Heilung von HIV mit neuem Wirkstoff ABX464?

Keine HIV-Konferenz ohne die Frage nach den Fortschritten bei der HIV-Heilung. Vorgestellt wurde ein neues Medikament mit der Bezeich- nung ABX464. Diese neue Substanz soll bei HIV-infizierten Personen diejenigen Zellen attackieren, die eine Heilung bis anhin nicht möglich machen: das latente HIV-Reservoir. Zusammengefasst: Mit einer täglichen Einnahme von 150 Milligramm ABX464 konnte nach 28 Tagen Behandlung bei 50 Prozent der Patienten eine mindestens 25-prozentige Abnahme des latenten HIV-Reservoirs im Blut gemessen werden. Enttäuschenderweise kam es jedoch bei allen Studienteilnehmern nach Absetzen ihrer HIV-Therapie zu einem viralen Durchbruch, der durch die vorgängig erfolgte Reduktion des latenten Reservoirs auch nicht zeitlich hinausgezögert werden konnte. So ist die neue Substanz ABX464 zwar ein vielversprechender Ansatz, stellt aber keinen Durchbruch auf dem langen Weg zur Heilung dar.

Das Wichtigste von EACS in Kürze:

Die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) kann zusammen mit der Früherkennung und Frühbehandlung von HIV-infizierten Personen dazu führen, die Rate von HIV-Neuinfektionen zu senken.

Eine sexuelle Übertragung von Hepatitis C ist bei ungeschütztem Analverkehr und Gebrauch von Drogen in Zusammenhang mit Sex («Chemsex») möglich. Eine regelmässige Testung auf HCV sollte bei Personen mit Hochrisikoverhalten erfolgen.

Eine HIV-Zweifachtherapie stellt einen vielversprechenden  und wirksamen Therapieansatz dar, um die Langzeitnebenwirkungen der HIV-Dreifachtherapie zu reduzieren.