Paris: Ermutigende Signale aus der Forschung

Ende Juli fand in Paris die jährliche Konferenz der International Aids Society (IAS) statt. An vier Tagen wurden die neusten Studien und Forschungsergebnisse aus der internationalen HIV-Forschung vorgestellt. Wir haben hier einige relevante Neuigkeiten für Menschen mit HIV zusammengestellt.

IAS in Paris 2017

November 2017|Nathan Schocher

Bei der Anzahl Menschen weltweit, die Zugang zur antiretroviralen Therapie haben, sind Fortschritte zu vermelden. Erstmals werden über 50 Prozent der Menschen mit HIV behandelt, in Zahlen: 19,5 Millionen. Letztes Jahr starben 1 Million Menschen an Aids – verglichen mit 1,5 Millionen im Jahr 2010. Die Lebenserwartung von Menschen mit HIV  steigt weltweit.

Grosse Herausforderungen

Dennoch bleiben die Herausforderungen gross: Wie erhalten die fehlenden rund 17 Millionen Menschen mit HIV Zugang zur Behandlung? Dass die Behandlung von Menschen mit HIV in gewissen Regionen der Welt immer noch unzureichend ist, darauf machten am Kongress Aktivisten aus Venezuela aufmerksam. In einem eindringlichen Hilferuf wandten sie sich an die versammelten Entscheidungsträger aus Forschung, Industrie und Politik und verlangten ein verstärktes internationales Engagement gegen die Versorgungskrise in ihrem Land.

Gründe für das Abbrechen der antiretroviralen Therapie sind Arbeit, lange Wege zu Arzt oder Apotheke, das Gefühl, gesund zu sein, oder auch das Stigma, mit dem HIV immer noch behaftet ist.

Und wie lässt sich die Kontinuität der Behandlung für Menschen mit HIV sicherstellen? Weltweit werden immer noch viele Menschen mit HIV diagnostiziert, danach aber ungenügend zur Behandlung weitergeleitet oder sie brechen die Behandlung wieder ab. Gründe für das Abbrechen der antiretroviralen Therapie sind Arbeit, lange Wege zu Arzt oder Apotheke, das Gefühl, gesund zu sein, oder auch das Stigma, mit dem HIV immer noch behaftet ist. Zudem erschweren in manchen Ländern Gesetze, die Drogengebrauch oder Sex unter Männern kriminalisieren, das Erreichen dieser Menschen für die Therapie.

Adhärenz-Clubs für alle?

Lösungen bietet die patientenzentrierte Behandlung. Ein Beispiel dafür sind Adhärenz-Clubs. Darin treffen sich 15 bis 30 Menschen mit HIV alle zwei Monate ausserhalb medizinischer Einrichtungen und unter Leitung von Sozialarbeitenden. In solchen Clubs findet die Medikamentenabgabe statt, Menschen mit HIV motivieren sich gegenseitig dazu, an der Therapie dranzubleiben, und bei Angabe von Beschwerden oder Nebenwirkungen erfolgt eine standardisierte Weiterleitung an die nächstgelegene Klinik. Da diese Clubs näher beim Zuhause der Menschen sind, werden sie regelmässiger aufgesucht als medizinische Einrichtungen. Sie funktionieren gerade bei Frauen sehr gut. Weiterhin gesucht sind Lösungen, um die Adhärenz bei Jungen und Männern zu steigern.

Als wichtigste Prioritäten für die künftige Behandlung von Menschen mit HIV wurden deshalb genannt: bessere Optionen der antiretroviralen Therapie, gute Gesundheitssysteme und eine bessere Abdeckung, Qualität und Effizienz der Behandlung. Zudem müssen Erwartungen und Wahrnehmung der Menschen mit HIV selbst verstärkt in die Behandlung einbezogen werden. Das bedeutet: mehr Forschung dazu, wie Menschen mit HIV ihre Therapie tatsächlich einsetzen, welche Gesundheitsstrategien sie anwenden, auf welche Hindernisse sie im Rahmen der Therapie im Alltag stossen. Ausserdem müssen ins Forschungsdesign und in die Entwicklung von Produkten bereits die Stimmen der Nutzerinnen und Nutzer  einfliessen.

Neue Optionen für Therapie und Prävention

Doch welche Erleichterungen sind in der Behandlung von HIV in Aussicht? Einfachere Therapien werden getestet. In Studien zeigten sich gute Resultate mit einer Reduktion auf vier bis fünf Pillen pro Woche. Dies erwies sich als geeignet für Teilnehmende mit hoher Adhärenz und gut supprimierter Viruslast. Die Massnahme kam sehr gut an, da die Behandelten dadurch die Medikamenteneinnahme in die Routine des Arbeitstags einbauen konnten, aber am Wochenende davon befreit waren. Eine Ausweitung der Studien auf eine grössere Anzahl Teilnehmender soll nun diese guten Ergebnisse weiter absichern. Weitere Studien untersuchten die Möglichkeit einer Reduktion der Dosierung. Sie zeigten, dass bestimmte Medikamente der antiretroviralen Therapie mit zwei Dritteln der heute üblichen Dosis genauso gut wirken. Zudem ist eine geringere Medikamentenmenge, die eingenommen werden muss, natürlich besser verträglich. Das Sparpotenzial könnte sich global auf bis zu 500 Millionen Dollar belaufen. Nun müssen die Forschungsergebnisse noch in die nationalen ärztlichen Richtlinien einfliessen.


Wann kommt das Implantat?

Nachdem sich das Medikament Truvada als geeignet sowohl für den Einsatz in der Therapie als auch für die Prävention von HIV erwiesen hat, wird mittlerweile bereits bei der Entwicklung neuer Präparate auf einen möglichen Einsatz in beiden Bereichen geachtet. Eine grosse Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit HIV wären Injektionen oder Implantate. Injektionen für den Einsatz im Abstand von vier respektive acht Wochen werden zurzeit in schon relativ fortgeschrittenen klinischen Studien untersucht, es ist aber noch unklar, ab wann sie erhältlich sein werden. Implantate sind erst im Stadium der präklinischen Studien, wo sie an Tieren, aber noch nicht an Menschen getestet werden. Ähnlich wie Implantate zur Schwangerschaftsverhütung sollen sie unter der Haut eingesetzt werden können, wo sie dann für mehrere Jahre ihre Wirkstoffe abgeben würden. Ein zentraler Faktor bleibt jedoch die Adhärenz. Denn auch bei vereinfachten Therapien kann diese durch Depressionen, Ängste, Stigma, Alkohol oder Drogen erschwert sein. Gerade in Ländern mit mittlerem und tiefem Durchschnittseinkommen muss deshalb das Angebot bezüglich Screening und Behandlung von Depressionen, posttraumatischem Stress-Syndrom und Substanzmissbrauch verbessert werden.

IAS in Paris

An der IAS wurde eine Erweiterung der 90/90/90-Ziele der UNAIDS vorgeschlagen. Die bisherigen Ziele sehen vor, dass 90 Prozent der Menschen mit HIV weltweit ihren Status kennen, 90 Prozent von diesen in Behandlung sind und von diesen wiederum 90 Prozent eine Virenlast unter der Nachweisgrenze haben, sodass sie das Virus nicht mehr weitergeben. Neu fordern Wissenschaftler, dass 90 Prozent der Behandelten unter wirksamer antiretroviraler Therapie eine gute Lebensqualität haben sollen und der Preis für die Behandlung auf 90 Dollar pro Jahr sinken solle.