Wohngemeinschaft Vielfalt

Dank besserer Therapien können HIV-Positive heute mit ihrer Infektion alt werden. Neue Wohnformen für Menschen mit HIV sind gefragt.

© im blick new media Dirk Krauss © im blick new media Dirk Krauss

August 2017|Andrea Six
«Die Lebendigkeit des Ortes hat uns beflügelt» erzählt Vincenzo Paolino vom Verein QueerAltern in Zürich. Als Paolino und sein Team den «Lebensort Vielfalt» in Berlin besuchten, war klar, dass ein Zürcher Projekt eine ebenso inspirierende Stimmung versprühen sollte. Die Berliner «Vielfalt» war aus der Schwulenbewegung geboren, öffnete sich dann aber und gibt nun Männern und Frauen ein Zuhause. «Berlin wurde unser Vorbild – aber unser Ort soll natürlich Zürich-typische Besonderheiten unter einem Dach vereinen.» Seit zwei Jahren ist der Verein nun daran, seine Pläne zu verwirklichen. Entstehen soll ein Wohnprojekt, in dem alte Menschen aus allen Facetten des LGBTI-Bereichs in 20–30 Wohnungen leben können. «Unsere Klienten werden ganz diverse Bedürfnisse an ihr Leben stellen», sagt Paolino. Dazu gehöre auch eine mögliche HIV-Infektion.

Die Lebenserwartung steigt

In der Schweiz leben derzeit etwa 20'000 HIV-positive Menschen. Nun ist rein statistisch nicht denkbar, dass diese Anzahl Personen morgen schon einen Platz in einem Altersheim sucht. Dennoch: Aufgrund effektiver antiretroviraler Therapien hat sich die Lebenserwartung von Infizierten in den letzten Jahren deutlich erhöht. Die Sterberaten von HIV-Positiven nähert sich in gut versorgten Ländern der Sterberate der nicht infizierten Bevölkerung an. Und so leben heute weltweit rund 6 Millionen Menschen, die über 50 Jahre alt sind, mit dem Virus. Für gut entwickelte Länder wird geschätzt, dass 5 Prozent der älteren HIV-Positiven über 70 Jahre alt sind. Das mag für die Schweiz eine Zahl von wenigen Hundert Personen ergeben. Die Tendenz ist allerdings steigend. Das Bundesamt für Statistik vermerkt in den letzten Jahren immer weniger Todesfälle aufgrund einer Aidserkrankung und eine zunehmende Anzahl von Menschen, die im hohen Alter sterben und neben üblichen Altersleiden auch eine HIV-Infektion trugen.

Offen für «queers and friends»

Für queerAltern in Zürich ist das ein Thema, dass zur Vielfalt des Älterwerdens dazu gehört. «Wer sich für unsere Wohnformen interessiert, möchte vor allem eines nicht: sich verstellen», sagt Paolino. Das schliesse die Kosmetik für eine Transfrau oder die Medikamente für einen HIV-Positiven mit ein. «Wir setzen auf ein Leben in einer toleranten Atmosphäre.» Diese Einstellung soll sich ebenso im Wohnraum widerspiegeln. Von kleinen Appartements bis hin zu der Pflegewohngruppe oder dem Penthouse unter dem Dach – queerAltern fühlt sich der Vielfalt verpflichtet. Vincenzo Paolino will den Menschen etwas bieten, was alle Gedanken an ein «Altersgetto für Homosexuelle» oder eine Ausgrenzung von Heterosexuellen vertreibt. «Wir sind offen für ‹queers and friends›, nur so entsteht Lebendigkeit» sagt er. Das queerAltern-Projekt soll aber nicht nur die Pflegebedürftigkeit im Alter abdecken – es braucht auch Raum für Angebote, die von aussen in diesen Ort hineingetragen werden, seien es Kulturanlässe, Beratungen, Gastronomie oder eine Bibliothek.

Noch fehlt das Dach

Das Berliner Vorbild ist gerade für den Deutschen Alterspreis nominiert worden, der Projekte auszeichnet, welche die Unabhängigkeit älterer Menschen unterstützen und auf unterschiedlichste Lebensentwürfe eingehen. queerAltern steht in den Startlöchern, um Ähnliches zu erreichen – es fehlt allerdings noch ein Dach über dem Kopf oder ein Stück Land für einen Neubau. «Sobald wir eine Liegenschaft oder ein Grundstück haben, legen wir los.» Probleme, Bewohner oder Mitarbeiter zu finden, hat queerAltern nicht: Für das Berliner Projekt seien die Wartelisten für die Wohnungen bereits lang und in Zürich werde es kaum anders aussehen, meint Paolino. Und beim Verein hätten sich bereits Menschen gemeldet, die gerne in einem derartigen Umfeld arbeiten würden, wo auch sie sich selbst etwa als Pflegende, nicht verstellen müssten. Dieser Idealtyp  eines  Wohnprojekts  für «queer and friends» wird nur einen Bruchteil der Menschen aufnehmen können, die sich nach einem passenden Ort fürs Alter sehnen.

«Ich höre von vielen, dass sie befürchten, sich in einem herkömmlichen Altersheim unwohl zu fühlen, wenn sie sich outen oder wenn jemand hört, dass sie HIV-positiv wären oder dass keine Enkelkinder da sind, über die man sich unterhalten könnte, weil das klassische Familienbild nicht zutrifft», sagt Paolino. Deshalb soll queerAltern auch ein Leuchtturmprojekt werden und seine künftigen Erfahrungen mit traditionellen Alters- und Pflegeheimen teilen. Wie gross der Bedarf an derartiger Aufklärungsarbeit ist, weiss Max Krieg von der schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross in Bern. Er hat gemeinsam mit der Lesbenorganisation Schweiz und dem Transgender Network Switzerland bei der Fachhochschule St. Gallen Studien in Auftrag gegeben. In Kooperation mit Hochschulen in Luzern und Bern wurde hier die Betreuung und Pflege von HIV-positiven Menschen und LGBTI-Klienten im Alter untersucht, indem 1592 Institutionen in der ganzen Schweiz befragt wurden. Ganz nach dem Motto «Keine Antwort ist auch eine Antwort» fasst Max Krieg die Ergebnisse der Befragungen zusammen: «Ob bei Alterswohn- und Pflegeeinrichtungen, Spitex-Organisationen oder Pflegefachschulen – nur ein geringer Teil der Befragten wollte sich zu dem Thema äussern.» Offenbar ist man im Bereich der Pflege und Pflegeausbildung wenig auf LGB-Senioren – und schon gar nicht auf TI-Senioren – vorbereitet. «Beim Thema HIV ist der medizinische Wissensstand allerdings recht gut», betont Krieg.

Vorurteile überwinden

Erfreulich an den Studienergebnissen war, dass niemand die Betreuung oder Pflege von HIV-Positiven ablehnte. Doch geht es allein um ein Dach über dem Kopf, oder sollte es nicht auch so sein, dass Menschen mit bestimmten Krankheiten sich ebenso wohlfühlen müssten wie andere ältere Menschen auch? Es bestehe vor allem bei Altersheimen ein Nachholbedarf, sich bewusst zu machen, dass HIV-Infizierte und LGBTI-Menschen jetzt schon in ihren Heimen lebten und künftig leben würden, so Krieg. Aus Kontakten zu Betroffenen weiss Krieg, dass Virusträger in Heimen ausgegrenzt werden können. «Wenn die Privatsphäre nicht respektiert wird oder beispielsweise schwule Männer keinen Männerbesuch haben dürfen, fühlen sich die Betroffenen nicht akzeptiert», sagt er. «Es gibt sicherlich regionale Unterschiede, wie stark heteronormative Vorurteile von Pflegeinstitutionen übernommen werden.» Aber es gehe ja eben darum, diese Vorurteile zu überwinden. Hier seien Leitlinien für Pflegeeinrichtungen nötig, die eine Diversität der Menschen auch im Alter aufgreifen. Dazu gehöre heute neben einem höheren Alter bei Eintritt in ein Pflegeheim und eine zunehmende Multimorbidität der Klienten auch die Gender-Orientierung oder eine HIV-Infektion.

Diversität im Alterszentrum

«Es mangelt den Pflegeinstitutionen derzeit noch an Erfahrung mit HIV-positiven Klienten», sagt Sabina Misoch, Mitautorin der Studien und Leiterin des Interdisziplinären Kompetenzzentrums Alter an der Hochschule St. Gallen. Misoch konnte auch feststellen, dass ein überraschend grosser Anteil beim Pflegepersonal äusserte, man habe Angst vor einer Ansteckung beim Umgang mit HIV-positiven Klienten. «Derartiges Halbwissen deuten wir als Zeichen einer fehlenden Pflegeausbildung bei einem zu grossen Teil des Personals», so Sabina Misoch. Wissenslücken bei unqualifizierten Mitarbeitern würden häufig mit Angstgefühlen gefüllt. Und ein verängstigter Betreuer distanziert sich von den Klienten. «Eine gute Betreuung kann so nicht stattfinden.» Ob nun spezialisierte Wohnprojekte oder offene, tolerante herkömmliche Altersheime die Zukunft sind, ist schwer zu sagen. «In jedem Fall sind eine gute Ausbildung beim Personal und die Thematisierung von Diversität im Alter durch Institutionsleitungen und für die Bewohner ein wichtiger Schritt», so Misoch.