Blackbox Altern

Altern HIV-positive Menschen schneller? Auf diese Frage liefert die Wissenschaft bisher widersprüchliche Antworten. Nun will die Studie «Metabolismus und Aging», kurz M+A, zu fundierten Erkenntnissen gelangen. Wie das gelingen soll und welche Herausforderungen sich dabei stellen, erklärt Studienleiterin Helen Kovari im Interview.

August 2017|Stéphane Praz

Frau Kovari, wie funktioniert die M+A-Studie?
Das Prinzip ist einfach: Wir messen bei tausend HIV-Patienten, die mindestens 45 Jahre alt sind, verschiedene Werte wie Knochendichte, Nierenfunktion sowie die geistige Fitness. Zwei Jahre später führen wir dieselben Tests nochmals durch und sehen dann, bei welchen Patienten die Leistungen am stärksten abgenommen haben, also der Alterungsprozess am schnellsten fortschreitet. Bei 400 Patienten messen wir zusätzlich, ob Verengungen oder Verkalkungen der Herzkranzgefässe vorliegen und wie rasch diese innerhalb der zwei Jahre fortschreiten. Diese Werte vergleichen wir mit einer Kontrollgruppe HIV-negativer Personen.

Was ist das Spezielle an dieser Studie im Vergleich zu bisherigen Studien?
In der M+A-Studie untersuchen wir verschiedene Organe gleichzeitig und über längere Zeit. So können wir diverse Befunde miteinander verknüpfen. Zum Beispiel werden wir untersuchen, ob Verkalkungen der Herzkranzgefässe einhergehen mit Abnutzungserscheinungen an den Knochen oder mit vorzeitig auftretender Demenz. Zudem wird die Studie im Rahmen der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie SHCS (vgl. Kasten) durchgeführt. Die SHCS ist im internationalen Vergleich eine besondere Kohorte. Sie repräsentiert die HIV-positive Bevölkerung sehr gut, da sie drei Viertel aller HIV-Patienten in der Schweiz umfasst: sowohl Frauen als auch Männer, Personen, die sich über Drogenkonsum angesteckt haben, über homosexuellen Geschlechtsverkehr oder über heterosexuellen, sowie Migrantinnen und Migranten.

Warum untersuchen Sie Patienten ab 45 Jahren?
Mit 45 Jahren können sich auf Organebene bereits Veränderungen zeigen. Das ist von Person zu Person aber unterschiedlich. Dass wir die Grenze bei 45 Jahren zogen, hat letztlich auch praktische Gründe. Hätten wir die Schwelle bei 60 gesetzt, dann hätten wir viel weniger Patienten einschliessen können.

«Auch in der Schweizer Kohorte müssen wir Patienten anfragen, ob sie an einer zusätzlichen Studie mitmachen. Wir benötigen ihre schriftliche Einwilligung. Für diese Studie war es aber relativ einfach, Teilnehmer zu rekrutieren. Das Interesse war sehr gross.»

Liegen bereits Resultate vor?
Nein. Erst diesen Sommer haben wir bei allen Teilnehmern die erste Testreihe abgeschlossen.

Werden die Tests von HIV-Spezialisten durchgeführt?
Nein, die machen die entsprechenden Fachärzte. Kardiologen führen die Computertomografie der Herzkranzgefässe durch, Rheumatologen messen die Knochendichte, Neurologen erheben die geistige Fitness. Es ist eine Herausforderung, die Termine für alle Ärzte so zu legen, dass die Patienten nicht für jeden einzelnen Test extra ins Spital kommen müssen.

Wie geht eine Untersuchung vonstatten?
Die Untersuchungen brauchen Zeit. Für alle Tests bei einem Studienteilnehmer benötigen wir einen ganzen Tag. Wir nehmen Blut- und Urinproben (nüchtern) ab, messen die Knochendichte, fahren eine koronare Computertomografie und erfassen mittels neuropsychologischer Testung die geistige Fitness. Bei der Verlaufsuntersuchung nach zwei Jahren führen wir zusätzlich ein Interview zu den Ernährungsgewohnheiten durch.

Verknüpfen Sie die erhaltenen Daten auch mit anderen Daten der Patienten?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Und ein weiterer Vorteil unserer Studie. In der SHCS werden über längere Zeit viele zusätzliche Informationen erhoben. Ab Eintritt eines Patienten werden in der SHCS alle sechs Monate verschiedenste Daten erfasst: von HIV-spezifischen Daten wie CD4-Zellzahl, Viruslast und verschiedenen antiretroviralen Substanzen bis zu Nicht-HIV-Medikamenten, Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum. Auch Erkrankungen, die körperliche Tätigkeit und soziale Faktoren wie Partnerschaft und Arbeitstätigkeit halten wir fest. Diese Daten ermöglichen uns nun, verschiedene Faktoren zu untersuchen, die den Alterungsprozess beeinflussen.

Um herauszufinden, ob Menschen mit HIV schneller altern als die Allgemeinbevölkerung, wäre es hilfreich, sie mit HIV-negativen Personen zu vergleichen.
Für die Herzkranzgefässe-Untersuchung haben wir eine HIV-negative Kontrollgruppe. In dieser erfassen wir zusätzliche Informationen wie Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, körperliche Tätigkeit und weitere Informationen. Doch für die gesamte M+A-Studie haben wir keine HIV-negative Kontrollgruppe. Das wäre logistisch und finanziell eine grosse Herausforderung.

Und in der M+A-Studie können Sie auch ohne HIV-negative Vergleichsgruppe den Einfluss von HIV auf den Alterungsprozess bestimmen?
Wir werden unsere Resultate mit Studienresultaten aus der Allgemeinbevölkerung vergleichen. Hier gibt es zahlreiche Publikationen. In der M+A-Studie möchten wir jedoch nicht nur ganz grundsätzlich den Einfluss von HIV erkennen, sondern darüber hinaus jenen von einzelnen HIV-Medikamenten, der Viruslast, der Dauer der HIV-Infektion und weiteren mit HIV verbundenen Faktoren. Diese Analysen ermöglicht uns unser detailliertes Datenset der HIV-Patienten.

Zu was für Anwendungen könnten die Erkenntnisse dieser Studie führen?
Sie könnten die Durchführung gewisser Vorsorgeuntersuchungen sowie präventive Massnahmen bei HIV-positiven Personen unterstützen. Und sie könnten in der HIV-Therapie die Wahl gewisser antiretroviraler Substanzen beeinflussen, abhängig vom individuellen  mografie der Herzkranzgefässe durch, Rheumatologen messen die Knochendichte, Neurologen erheben die geistige Fitness. Es ist eine Herausforderung, die Termine für alle Ärzte so zu legen, dass die Patienten nicht für jeden einzelnen Test extra ins Spital kommen müssen.

Wie geht eine Untersuchung vonstatten?
Die Untersuchungen brauchen Zeit. Für alle Tests bei einem Studienteilnehmer benötigen wir einen ganzen Tag. Wir nehmen Blut- und Urinproben (nüchtern) ab, messen die Knochendichte, fahren eine koronare Computertomografie und erfassen mittels neuropsychologischer Testung die geistige Fitness. Bei der Verlaufsuntersuchung nach zwei Jahren führen wir zusätzlich ein Interview zu den Ernährungsgewohnheiten durch.

Verknüpfen Sie die erhaltenen Daten auch mit anderen Daten der Patienten?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Und ein weiterer Vorteil unserer Studie. In der SHCS werden über längere Zeit viele zusätzliche Informationen erhoben. Ab Eintritt eines Patienten werden in der SHCS alle sechs Monate verschiedenste Daten erfasst: von HIV-spezifischen Daten wie CD4-Zellzahl, Viruslast und verschiedenen antiretroviralen Substanzen bis zu Nicht-HIV-Medikamenten, Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum. Auch Erkrankungen, die körperliche Tätigkeit und soziale Faktoren wie Partnerschaft und Arbeitstätigkeit halten wir fest. Diese Daten ermöglichen uns nun, verschiedene Faktoren zu untersuchen, die den Alterungsprozess beeinflussen.  

Um herauszufinden, ob Menschen mit HIV schneller altern als die Allgemeinbevölkerung, wäre es hilfreich, sie mit HIV-negativen Personen zu vergleichen.
Für die Herzkranzgefässe-Untersuchung haben wir eine HIV-negative Kontrollgruppe. In dieser erfassen wir zusätzliche Informationen wie Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, körperliche Tätigkeit und weitere Informationen. Doch für die gesamte M+A-Studie haben wir keine HIV-negative Kontrollgruppe. Das wäre logistisch und finanziell eine grosse Herausforderung.

Und in der M+A-Studie können Sie auch ohne HIV-negative Vergleichsgruppe den Einfluss von HIV auf den Alterungsprozess bestimmen?
Wir werden unsere Resultate mit Studienresultaten aus der Allgemeinbevölkerung vergleichen. Hier gibt es zahlreiche Publikationen. In der M+A-Studie möchten wir jedoch nicht nur ganz grundsätzlich den Einfluss von HIV erkennen, sondern darüber hinaus jenen von einzelnen HIV-Medikamenten, der Viruslast, der Dauer der HIV-Infektion und weiteren mit HIV verbundenen Faktoren. Diese Analysen ermöglicht uns unser detailliertes Datenset der HIV-Patienten.

Zu was für Anwendungen könnten die Erkenntnisse dieser Studie führen?
Sie könnten die Durchführung gewisser Vorsorgeuntersuchungen sowie präventive Massnahmen bei HIV-positiven Personen unterstützen. Und sie könnten in der HIV-Therapie die Wahl gewisser antiretroviraler Substanzen beeinflussen, abhängig vom individuellen Risikoprofil für eine Erkrankung.

Werden Sie die Frage, ob HIV das Altern beschleunigt, beantworten können?
Ich hoffe es. Unsere Resultate werden ein wichtiger Mosaikstein sein zur umfassenden Beantwortung dieser Frage.

Helen Kovari ist Oberärztin mit erweiterter Verantwortung an der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des Universitätsspitals Zürich. Als HIV-Spezialistin ist sie sowohl in der Betreuung von Patienten wie in der Forschung tätig. Im Rahmen der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie leitet sie zurzeit zwei Studien, die sich mit dem Alterungsprozess HIV-positiver Personen sowie dem Einfluss von HIV auf die Leber beschäftigen.