21. Internationale Aids-Konferenz in Durban, Südafrika

Am Montag, 18.7. wurde die 21. Internationale Aids-Konferenz in Durban, Südafrika unter dem Titel „Access Equity Rights Now“ eröffnet. Nach dem Jahr 2000 veranstaltet Durban zum zweiten Mal die Weltaidskonferenz. Viel ist in diesen 16 Jahren passiert. Hatten damals nur 1.2 Millionen Menschen mit HIV Zugang zur antiretroviralen Therapie, sind es heute 17 Millionen. Ein grosser Erfolg, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass noch viel getan werden muss.

Die ärmsten Länder der Welt haben nach wie vor keine Daten zu ihrer Epidemie und keinen Zugang zu den Medikamenten. Die Forderung nach Substitution für injizierend Drogenkonsumierende ist noch immer nicht weltweit verwirklicht. Einzig Europa wird lobend erwähnt. Gerade die Schweiz hat dank einer umfassenden Drogen- und Substitutionspolitik kaum mehr Neuinfektionen in dieser Gruppe.

Der Titel „Access Equity Rights Now“ betont die Wichtigkeit der Forderung nach gleichen Rechten unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Diskriminierungen aufgrund dieser Merkmale führten in 77 Ländern, davon 33 in Afrika zu einem Anstieg der Neuinfektionen. Zum Beispiel stieg bei Männern, die Sex mit Männern haben, die Zahl der Infizierten in diesen Ländern teilweise auf über 40%. Auch in den USA gab es bei den MSM in der Altersgruppe von 25 bis 34  27% mehr Neuinfektionen.

Elton John und Prinz Harry begeistern Jugendliche

Ending AIDS with the Voices of the Youth: How Stigma and Discrimination Affect Key Populations Elton John and HRH Prince Harry, 21 July, 2016. Photo©International AIDS Society/Rogan Ward ©International AIDS Society/Rogan Ward

Elton John und Prinz Harry sprachen an  der Aids 2016 in einem gemeinsamen Auftritt vor rund tausend Menschen, viele davon Jugendliche. Prinz Harry erinnerte in seiner Rede an den Einsatz seiner Mutter Diana gegen HIV:

"Als meine Mutter einem an Aids sterbenden Mann in einem Spital in East London die Hand hielt, hätte niemand gedacht, dass bloss ein Vierteljahrhundert später Menschen mit HIV dank medizinischer Behandlung gesund leben und lieben können würden."

Junge Menschen müssten sich ohne Schamgefühle auf HIV testen lassen können. Erst eine Woche vorher war Prinz Harry mit gutem Beispiel vorangegangen und hatte sich selbst öffentlich einem HIV-Test unterzogen.

Die Stiftung des Musikers und Aids-Aktivisten Elton John unterstützt insbesondere HIV-positive Kinder und lädt sie zu Trainingscamps ein, um über die Infektion und Behandlungsmöglichkeiten zu informieren. Es sei endlich an der Zeit, dass sich kein Mensch mehr dafür schäme, HIV-positiv zu sein, sagte John. "Stigma is the biggest killer."

Quelle: aidshilfe.de/dailymail.co.uk

PrEP ist in aller Munde                           

Ein zentrales Thema der Aids 2016 ist die PrEP (Prä-Expositionsprophylaxe). Dabei handelt es sich um eine HIV-Präventionsstrategie, in der antiretrovirale Medikamente eingesetzt werden, um HIV-negative Personen vor einer möglichen HIV-Infektion zu schützen. Die betreffenden Personen nehmen antiretrovirale Medikamente (ARVs) ein, wenn die Gefahr einer HIV-Exposition besteht, um ihr Infektionsrisiko zu senken. An der Konferenz in Durban wurden die französische Studie Ipergay sowie verschiedene Projekte für den Einsatz der PrEP in Europa, Amerika und Afrika vorgestellt.

Während der Doppelblind-Phase dokumentierte die Ipergay-Studie eine Reduktion der Übertragungswahrscheinlichkeit  von 97% gegenüber der Placebo-Gruppe. Aufgrund dieses hohen Prozentsatzes von verhinderten Übertragungen liess sich eine Weiterführung der Studie in dieser Form nicht mehr rechtfertigen, sodass der Placebo-kontrollierte Arm der Studie abgebrochen wurde. Das heisst, dass danach alle Teilnehmer der Studie ARVs erhielten und dies auch wussten. Die Studie wurde als Open-Label-Erweiterung weitergeführt und kam immer noch auf eine Reduktion der Übertragungswahrscheinlichkeit von 86%. Die durchschnittliche Partneranzahl der Teilnehmer belief sich auf 7 Kontakte in den letzten zwei Monaten. Dadurch ist die Wirksamkeit für eine Kurzzeit-PrEP noch nicht erwiesen, denn die Teilnehmer hatten somit meist durchgängig einen hohen Medikamentenspiegel im Blut. Die Evidenz, dass eine Kurzzeit-PrEP bei Menschen mit weniger Sexualkontakten funktioniert, fehlt noch. Es ist deshalb dringend notwendig, die Forschung und die Aufklärung in diesem Gebiet zu intensivieren.

Aus den USA wurde am Beispiel von afroamerikanischen Männern, die Sex mit Männern haben, aufgezeigt, wie spezialisierte Gesundheitszentren dabei helfen können, PrEP-User ideal zu begleiten und zu beraten. Dies unterstreicht die Wichtigkeit der Schweizer Checkpoints (www.mycheckpoint.ch), die genau diesen Ansatz verfolgen.

Die afrikanischen PrEP-Studien hingegen fokussierten vor allem auf dem Einsatz bei serodiskordanten Paaren. Oft sind Frauen die PrEP-Userinnen. Da Menschen mit einer unterdrückten Virenlast, die regelmässig ihre Medikamente nehmen und ihren Arzt regelmässig sehen, HIV nicht mehr übertragen, deutet dies darauf hin, dass hier die Frauen einen grossen Teil der Verantwortung, eine HIV-Übertragung zu verhindern, übernehmen. Es ist zu hoffen, dass diese Frauen in Zukunft mehr Unterstützung in ihrem Einsatz für einen gesellschaftlichen Wandel erfahren.

#undetectable 
HIV-Therapien schützen vor einer Übertragung.

Die Aids-Hilfe Schweiz an der Konferenz, Poster vom Programm Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)

undetectable  an der Aids-Konferenz

HIV-positive Menschen sind unter einer nachhaltig wirksamen antiretroviralen Therapie nicht mehr infektiös. Mit der Kampagne #undetectable  soll die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen abgebaut werden. 

Die Kampagne startete im Dezember 2015 mit einer breit angelegten Print-Kampagne in Online- und Printmedien für schwule Männer und wird 2016 mit Auftritten an Prides fortgesetzt. Es ist ein Hauptthema des Programms MSM der Aids-Hilfe Schweiz.

Mehr zu  #undetectable auf drgay.ch

Der lang Weg zur Lebensversicherung

Die Aids-Hilfe Schweiz an der Konferenz, Poster von Dr. iur., LL.M Caroline Suter

Poster der Aids-Hilfe Schweiz zu "The long road to life insurance"

Lange Zeit war es in der Schweiz für Menschen mit HIV nicht möglich, eine Lebensversicherung abzuschliessen. Eine solche ist insbesondere dann relevant, wenn sich jemand selbständig machen will oder ein Eigenheim kaufen möchte. Um dafür eine Hypothek zu erhalten, muss in der Regel eine Lebensversicherung vorgelegt werden. Obwohl eine von Swiss Re 2013 veröffentlichte Studie belegte, dass aus Rückversicherungssicht eine grosse Anzahl von Menschen mit HIV unter gewissen Bedingungen (antiretrovirale Therapie, hohe CD4-Werte, unterdrückte Virenlast, keine Co-Infektion mit Hepatitis C) versicherbar wäre, weigerten sich die Versicherungsgesellschaften weiterhin, Menschen mit HIV aufzunehmen. Dies bewegte die Aids-Hilfe Schweiz dazu, die Kooperation mit einem Versicherugsbroker zu suchen. Er klärt mit den Kunden ab, ob die Vorssetzungen, die die Swiss Re in ihrer Studie ausgearbeitet hat, erfüllt sind und reicht die Anträge ein. Durch diese Zwischenschaltung gelang es, bei verschiedenen Versicherungsgesellschaften erfolgreich Lebensversicherungen abzuschliessen. In einem nächsten Schritt wird die Aids-Hilfe Schweiz die Lebensversicherer erneut kontaktieren und sie mit diesen Resultaten konfrontieren. Ziel muss sein, dass der Abschluss einer Lebensversicherung für Menschen mit HIV künftig bei allen Gessellschaften möglich ist.

Mehr zu HIV und Recht / Lebensversicherungen

'Courage in Leadership: World Leaders with the Political Will to Remove Punitive Laws session. Ruth Dreifuss, Former President, Switzerland speaking. Photo©International AIDS Society/Steve Forrest/Workers' Photos

Ruth Dreifuss in Durban

Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss nahm in Durban an einer Podiumsdiskussion zum Thema Entkriminalisierung teil. Denn weltweit verhindern verschiedene Strafbestimmungen ein effektives Vorgehen gegen HIV. Darunter fällt zum Beispiel die Kriminalisierung von Homosexualität in vielen Ländern. Aber auch Drogenkonsum oder Sexarbeit ist vielerorts strafbar. Ungleichbehandlungen von Mann und Frau behindern ebenso die HIV-Arbeit wie die Strafbarkeit der HIV-Übertragung generell. Neben Dreifuss nahmen unter anderem der südafrikanische Verfassungsrichter Zak Yacoob und Joyce Banda, die ehemalige Staatspräsidentin von Malawi, am Podium teil.

Tausend Grossmütter und Charlize Theron an der AIDS 2016 in Durban

Mehr als 18'000 Menschen aus Forschung, Politik, Prävention, Gesundheitssystemen und Selbsthilfe kommen nach Angaben der Veranstalter an der 21. Internationalen Aids-Konferenz in Durban bis Freitag zusammen, um sich über Neuigkeiten auszutauschen und über Massnahmen gegen die globale HIV-Epidemie zu beraten.

Schon vor der offiziellen Eröffnung war viel los. Beispielsweise marschierten am South Africa Grandmothers Gathering über tausend Aids-Aktivistinnen, die auch Grossmütter sind, zum International Convention Center. Damit machten sie darauf aufmerksam, dass eine geschätzte Zahl von 14 Millionen Kindern wegen HIV ihre Eltern verloren haben. Viele dieser Kinder wachsen bei ihren Grossmüttern auf.

TAC March through the Durban CBD, 18 July, 2016. Photo©International AIDS Society/Rogan Ward) ©International AIDS Society/Rogan Ward)
"Nothing about us without us."
Das ist auch einer der wichtigsten Grundsätze der HIV-Community

Der südafrikanische Verfassungsrichter Edwin Cameron – offen schwul und HIV-positiv – erinnerte daran, was einst die Maxime Nelson Mandelas war: "Nothing about us without us." Das ist auch einer der wichtigsten Grundsätze der HIV-Community. So riefen an der Vorkonferenz Living 2016 Menschen mit HIV aus der ganzen Welt dazu auf, die Kriminalisierung und Stigmatisierung von Menschen mit HIV zu beenden und ihnen allen gleichermassen Zugang zu Therapie zu ermöglichen. 

Eine weitere Vorkonferenz war das fünfte jährliche Symposium für ein Heilmittel gegen HIV . Die kürzlich erzielten Fortschritte bei der Suche nach einem Heilmittel gegen HIV wurden besprochen und ein Plan vorgestellt, wie die entscheidenden Wissenslücken geschlossen werden könnten. Die gute Nachricht hier: Investitionen in die Forschung nach einem Heilmittel haben sich seit 2012 mehr als verdoppelt.

Sorgen macht hingegen die Finanzierung des Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria. Er finanziert viele der weltweiten Maßnahmen gegen die HIV/Aids-Epidemie – und wird seinerseits von den Ländern der Welt finanziert. Manche Länder haben jedoch ihre Beiträge aus  wirtschaftlichen Gründen gekürzt, ein ungünstiger Wechselkurs vieler Währungen zum Dollar verringert den Wert gleichbleibender Beiträge.

Monday 18th July 2016, VENUE : Durban ICC Main Hall Opening Ceremony Speaker : Charlize Theron Photo©International AIDS Society/Abhi Indrarajan ©International AIDS Society/Abhi Indrarajan
"HIV wird nicht nur durch Sex übertragen, sondern durch Sexismus, Rassismus und Homophobie!" Charlize Theron

Mit starken Worten eröffnete deshalb die südafrikanische Oscar-Preisträgerin Charlize Theron die Konferenz: "Die Wahrheit ist, dass wir jedes Werkzeug besitzen, um diese Epidemie zu beenden. (...) Warum haben wir diese Epidemie noch nicht besiegt? (...) Liegt es daran, dass Aids zu stark stigmatisiert ist? Dass die Maßnahmen zu kompliziert sind, zu teuer? (...) Das sind alles keine Antworten, das sind Entschuldigungen! (...) HIV wird nicht nur durch Sex übertragen, sondern durch Sexismus, Rassismus und Homophobie!" 

Quellen: aids2016.org, aidshilfe.de

Weiter Informationen zur Konferenz finden sie unter:  www.aids2016.org  und dem  News-Ticker der Deutschen Aids-Hilfe .

Bildstrecke: 21st International AIDS Conference (AIDS 2016), Durban, South Africa.