"Das Positive im Schweren sehen"

René W.* lebt seit bald 13 Jahren mit der Diagnose HIV. Als er von seiner Diagnose erfuhr, haderte er lange mit seinem Schicksal. Erst als er einen verständnisvollen Partner fand und lernte, über seine Krankheit zu sprechen, konnte er die Isolation durchbrechen. Noch immer ist sein Leben von Ups und Downs geprägt, aber er hat gelernt, damit umzugehen.

Bereits vor seiner Diagnose wusste René W. viel über Aids und HIV. 1985 outete sich André Ratti, ein bekannter Fernsehjournalist, vor laufender Kamera als schwul und an Aids erkrankt. Ein Jahr darauf verstarb er. „Ratti war für mich schon immer eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen. Als ich ihn so krank im TV sah, war das ein Schock für mich und zeitgleich der Auslöser für meinen ersten HIV-Test.“ Der zweite folge kurz darauf. René W. machte sich selbstständig und benötigte dazu ein Attest seines Vertrauensarztes. Von da an liess sich René W. jedes Jahr auf HIV testen. „Ich war ja viel unterwegs und mir der Risiken bewusst. Trotzdem steckte ich mich an.“

Aus Angst Status verheimlicht

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts führte René W. eine Beziehung mit einem HIV-positiven Mann, der ihm aber seinen Status verheimlichte. Nach einem halben Jahr Safer Sex schlägt René W. vor, man möge doch gemeinsam einen HIV-Test machen, damit man künftig ohne Präservativ bumsen könne. René W.: „Mein Test viel negativ aus, seiner positiv. Ich fiel aus allen Wolken. Als ich ihn darauf ansprach, erklärter er mit, dass er mir aus Verlustangst seinen Status verheimlicht habe. Denn wenn immer er sich als HIV-positiv outete, wurde er verlassen.“ Also zurück zu Safer Sex. Kurz darauf erkrankt René W.’s Partner. Er weigert er sich, einen Arzt aufzusuchen, weil er das Warten auf den Befund psychisch nicht aushält. Als es endlich wieder einmal so weit kommt, ist sein Immunsystem sehr geschwächt. René W.: „Er war schwer krank. Zusätzlich zu HIV litt er auch noch unter Warzen (Papillomaviren). Sein Selbstwertgefühl war klein, er fühlte sich mies, er brauchte und suchte meine Nähe. In so einem Moment der körperlichen Nähe „vergass“ ich das Präservativ. Und obwohl er bereits Medikamente einnahm, steckte ich mich an.“

„Der Welt-Aids-Tag ist ein Feiertag für mich. An diesem Tag zelebrieren wir die Solidarität mit HIV positiven Menschen. Wir werden sichtbar, wir zeigen der Welt, dass wir unter euch sind. Diese Solidarität ist wichtig, auch als Gegengewicht zu jenen, die uns noch immer stigmatisieren.“

Als ihm sein Arzt den positiven Status mitteilt, ist das für René W. eine Katastrophe. Aber eine, die er mit keinem Menschen teilen will, teilen kann. Nicht mit seinen konservativen Pflegeltern, denn die hatten bereits grosse Mühe mit seiner Homosexualität und seinem Coming-out. Auch nicht mit seinem leiblichen Vater, nicht mit Freunden. Kurz vor der Diagnose hatte er sich auch von seinem Partner getrennt. René W.: „Ich liess mir nichts anmerken. Ich markierte den starken Mann, dabei fühlte ich mich total mies. Ich habe mich so geschämt. Die Mischung aus Liebeskummer und Diagnose HIV-positiv brachte mich beinahe um. Doch als Selbstständigerwerbender musste ich einfach funktionieren.“ René W. fällt in eine Depression. Telefonanrufe nimmt er nicht ab, er pflegt keine Kontakte mehr. Einzig die Arbeit zwingt ihn nach draussen. Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller. Er überlegt, wie er sich umbringen kann. Er will sich die Pulsadern aufschneiden, schafft es aber nicht und fühlt sich noch schlechter. René W. dachte: „Ich bin so ein Feigling, ich kann mich nicht mal umbringen. Und jetzt?“ Er will sterben, und jeden Tag fordert er seine Viren auf, sich rasant zu vermehren und ihn bald zu erlösen. An seinem Geburtstag sind seine Werte so schlecht, dass sein Arzt dazu rät, sofort mit der Behandlung zu beginnen. Nicht wirklich überzeugt von deren Wirkung, willigt René W., quasi als Geburtstags-geschenk für sich selber, ein. Die Nebenwirkungen sind happig und bald denkt der Arzt über einen Therapiewechsel nach. Ein Apotheker gibt ihm den entscheidenden Tipp zur Medikamenteneinnahme – kurz vor dem Einschlafen einnehmen – der Wirkung zeigt. Langsam, langsam findet er den Ausweg aus seiner Lethargie, und sein Leben pendelt sich wieder ein, mehr oder weniger.


Skol und eine neue Liebe

Ein Freund aus der Ferne, der als einer der wenigen weiss, wie es um René W. wirklich steht, lädt ihn zu Ferien auf Grand Canaria ein. René W.: „Weihnachten stand an, und ich hatte überhaupt keine Lust, mit meiner Familie zu feiern. Dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Getue war für mich zu diesem Zeitpunkt ein Ding der Unmöglichkeit. Und dann geschah es am Jahreswechsel, an der Tür zu einem Fetischclub. Er überreichte mir einen Drink, sagte ,Skol!’, und ich war hin und weg. So ein erotisch schöner Mann!“ Bald darauf ist der erste Flug nach Dänemark gebucht, und die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Auch das Positiv-Outing von René W. schreckt den neuen Mann in seinem Leben nicht ab. Denn der schöne Mann aus Skandinavien lebte bereits mit einem HIV-positiven Mann zusammen. Eine neue Erfahrung für René W., zogen doch bis anhin alle seine Bekanntschaften, die über eine Sexgeschichte hinausgingen, die Reissleine, wenn sie von seinem Status erfuhren. „Weisst du, ich habe keine Angst vor einer Ansteckung. Aber ich könnte dich nicht pflegen oder gar in den Tod begleiten“, hört René W. mehr als einmal. 

Überhaupt staunt er immer wieder darüber, dass unter Schwulen das Thema HIV und Aids oft nicht zur Sprache kommt. Man weiss vieles rund um die Infektion, man weiss, dass dieser oder jener Mann positiv ist, aber darüber sprechen, sich damit auseinandersetzen mag man doch nicht. 


Im Leben angekommen

Auf der Regenbogenwolke schwebend, entschliesst sich René W., sein Leben wieder in die Hand zu nehmen und sich mehr auf die Ups und weniger auf die Downs zu konzentrieren. Er realisiert aber auch, wie viel er in Bezug auf seine Homosexualität, in Bezug auf HIV, seine Kindheit bei Pflegeeltern etc. verdrängt hat. Ein Psychologe des Checkpoint Zürich (mycheckpoint-zh.ch) unterstützt ihn auf seinem Weg. Er macht die Erfahrung, dass „darüber reden“ heilsam ist. Erzählen, sich öffnen als Therapie. Im Rückblick bezeichnet René W. seine Diagnose als Startschuss zu einer Metamorphose: „Die Verwandlung eines Würmchens in einen selbstbewussten Schmetterling, der seine Flügel ausbreitet und das Leben geniesst.“ 

Das schönste Geschenk macht ihm sein leiblicher Vater zu seinem 50. Geburtstag. 13 Jahre nach seiner Diagnose zeigt er u.a. voller Stolz vor versammelter Festgemeinde einen TV-Bericht über seinen HIV-positiven Sohn. Renè W. ist angekommen.

* Name geändert