„Kranke Menschen brauchen medizinische Hilfe, aber auch Nähe.“

HIV-positiv, schweres Nierenversagen, keine Arbeit, unsicherer Aufenthaltsstatus in der Schweiz, beide Eltern tot. Ibu Lawal*, 26-jährig, bleibt anscheinend nichts erspart. Trotzdem betrachtet er sein Leben als Geschenk. Und möchte in Zukunft anderen kranken Menschen die wichtigste Hilfe geben, die ihm manchmal gefehlt hat: menschliche Nähe.

Herr Lawal, als wir einen Termin für dieses Interview suchten, haben Sie gesagt, dass Ihnen unter der Woche jeweils nur Dienstag und Donnerstag passen, die anderen Tage seien Sie jeweils im Spital. Weshalb ?
Ich gehe jeden Montag, Mittwoch und Freitag für mehrere Stunden ins Spital zur Dialyse, bei der mein Blut gereinigt wird. Das ist notwendig, weil ich unter Nierenversagen leide: Meine Nieren reinigen das Blut nicht mehr selber. Die Dialyse ist anstrengend, ich bin danach jeweils müde und kraftlos.

Hängt das Nierenversagen mit Ihrer HIV-Infektion zusammen?
Das kann man nicht genau sagen. Wahrscheinlich gibt es schon einen Zusammenhang, denn meine HIV-Infektion war ziemlich weit fortgeschritten, als ich die Diagnose HIV-positiv erhielt. Es kann also sein, dass die Infektion meinem Körper Langzeitschäden zugefügt hat, bevor die HIV-Medikamente sie zurückdrängen und stabilisieren konnten.

Das Nierenversagen folgte nach der HIV-Diagnose, als Sie bereits HIV-Medikamente nahmen?
Zumindest hat man es erst nachher bemerkt, als es akut wurde. Das war 2010. Ich litt unter plötzlicher Atemnot, wurde notfallmässig ins Spital gebracht, wo sie acht Liter Wasser aus meinem Körper holten. Die ganzen Lungen waren voll davon.

Und wann hatten Sie die HIV-Diagnose erhalten?
Zwei Jahre früher, 2008, kurze Zeit nach meiner Ankunft in der Schweiz. Ich ging zum Arzt, weil ich mich schlecht fühlte, unter anderem auch Fieber hatte. Der Arzt liess mein Blut im Labor auf verschiedene Krankheiten untersuchen. Als ich wenige Tage später ins Sprechzimmer kam, sass er mit mir hin und schaute sehr ernst. „Ich bin ganz Ohr“, sagte ich– und erfuhr, dass ich HIV-positiv bin.

Da war die Infektion bereits weit fortgeschritten.
Ja, nach einigen weiteren Tests im Unispital erklärten mir die Ärzte, ich müsse sofort mit den HIV-Medikamenten beginnen. Meine Blutwerte waren schlecht.

Sie gingen im Alter von zwanzig Jahren wegen unbestimmter Krankheitszeichen zum Arzt– und erfuhren da, dass Sie sofort mit einer lebenslangen Therapie gegen HIV beginnen sollten. Wie gingen Sie damit um?
Es war ein harter Schlag. Zuerst dachte ich: „Das kann nicht sein. Warum ich?“.Aber es war mir schnell klar, dass ich das akzeptieren muss, wenn ich leben will. Alle haben ihre Prüfungen zu bestehen.

Gerieten Sie nie in eine Lebenskrise wegen der Krankheit?
Ich glaube an Gott, ich bin mit ihm in Frieden. Zweimal pro Woche gehe ich in die Kirche und danke ihm, dass es eine Lösung gibt für mich. Die Medikamente retten mein Leben, das ist ein grosses Geschenk. 

Sie sind mit der Therapie von Beginn weg gut klargekommen?
Ja. Medizinisch gesehen.

Und nicht medizinisch gesehen?
Da gab es Probleme. Ich teilte zu dieser Zeit mit fünf anderen Männern ein Zimmer im Asylheim. Ich schämte mich sehr und wollte unbedingt vermeiden, dass meine Zimmergenossen von meiner HIV-Infektion erfuhren. Deshalb rief mich der Leiter des Heims jeden Tag unter einem Vorwand in sein Büro, wo ich meine Medikamente einnehmen konnte, ohne dass es die anderen bemerkten. Trotzdem erfuhren sie es.

Wie?
Nach einer Weile bekam ich ein Einzelzimmer. Die Leitung hielt das für besser. Doch wenn man ein Einzelzimmer erhält, ist für die anderen eigentlich schon klar, dass man irgendeine Krankheit hat. Wahrscheinlich hat dann einfach jemand gesagt: „Ibu hat sicher Aids“, und schon stand es für alle fest.

Was waren die Folgen?
Ich war augenblicklich isoliert: Alle mieden mich, hielten Distanz. Da habe ich gelernt, dass ich besonders unter Afrikanern, nicht zuletzt unter meinen Landsleuten aus Nigeria, kein Wort über die Infektion verlieren darf.

Das gilt immer noch?
Unter Afrikanern ist die Angst vor HIV gross. Viele haben falsche Vorstellungen und denken, sie können sich selbst bei alltäglichen Begegnungen anstecken. Deshalb kann ich niemandem in der afrikanischen Gemeinschaft von meiner Infektion erzählen. Wenn das die Runde macht, wenden sich alle ab.

Mit Ihrer Familie können Sie auch nicht darüber sprechen?
Meinen Eltern habe ich es gesagt. Das musste ich einfach. Meine Mutter hat viel geweint.

Aber die Eltern sind zu Ihnen gestanden?
Ja. Es gab keine schlechten Gefühle. Leider sind beide 2010 gestorben.

Wer unterstützt Sie heute?
Ich erhalte viel Unterstützung vom medizinischen Personal, ebenso von der kantonalen Aids-Hilfe. Auch in meinem Privatleben habe ich mittlerweile gute Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel war die Infektion für meine Exfreundin, eine Schweizerin, kein Problem. Sie wusste, wenn wir uns schützen, kann nichts passieren. Wenn es die Leute wissen und gut reagieren, dann ist HIV schnell kein Thema mehr. Es ist, als ob man es ganz vergisst. Aber wenn man nicht darüber sprechen kann, dann bleibt es immer da, unausgesprochen, aber unangenehm präsent.

Vor allem die Nierenschwäche schränkt Sie ziemlich fest ein. Schmieden Sie dennoch Zukunftspläne?
Auf jeden Fall. Mein Traum ist eine eigene Familie. Doch als Erstes muss ich eine Arbeit finden. Dann kann ich den B-Ausweis beantragen. Und wenn ich den erhalte, kann ich langfristig planen. Zugegeben, das ist nicht ganz einfach: Ich habe schon über 180 Bewerbungen geschrieben, bisher leider ohne Erfolg. Beim Schweizerischen Roten Kreuz konnte ich aber einen Pflegekurs machen. In dieser Richtung sehe ich meine Zukunft.

Erklärt sich das aus Ihrer eigenen Geschichte?
Kranke Menschen brauchen medizinische Hilfe, aber auch menschliche Nähe. Denn Distanz tötet innerlich, das weiss ich aus eigener Erfahrung. Umso wichtiger ist es mir, nun anderen Menschen zu helfen und ihnen die notwendige Nähe zu geben.



*Name geändert