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XVII Internationale Aids-Konferenz
3. – 8. August 2008 │ Mexico City

Internationale Aids Conference

Mexico Highlights von Donnerstag, 7. August 2008.

Prevention Programs with Female Sex Workers – Erfahrungen aus 4 Ländern und Advocacy



Prävention
Prevention Programs with Female Sex Workers – Erfahrungen aus 4 Ländern

An dieser „oral Abstract Session“ wurden – aus der Sicht der Aids-Hilfe Schweiz – sehr beeindruckende Beispiele von Präventions- und Advocacy-Projekten im Bereich Female-Sexwork aus Indien, Nigeria, El Salvador und Australien präsentiert. Etwas haben all diese Projekte gemeinsam; Sexarbeiterinnen dieser Länder haben sich selbst organisiert und innovative, wirkungsvolle Programme aufgebaut und realisiert. In der Schweiz ist die Aids-Hilfe Schweiz mit zwei Programmen im Bereich Female Sexwork aktiv. Mit dem Projekt APIS, einem Mediatorinnenprogramm für Sexworkerinnen mit Migrationshintergrund und – scheinbar weltweit einzigartig – mit Don Juan, dem Freierprojekt.


Das Beispiel Indien – ein Projekt der India AIDS Initiative of the Bill & Melinda Gates Foundation
Um in 4 Staaten Indiens bis zu 200'000 Sexarbeiterinnen zu erreichen, wurde ein sehr einfaches Tool erarbeitet, mit dem ehemalige Sexarbeiterinnen, welche  als Outreachworkerinnen aktiv werden, ihre Arbeit und Erfolge dokumentieren können.

Die Ehemaligen suchen das persönliche Gespräch mit ihren aktiven Kolleginnen. Es geht nicht nur um die Vermittlung von Informationen zu HIV/Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, sondern auch ganz allgemein um das „Empowerment“ der Frauen, die sich so auch besser für ihren eigenen Schutz einsetzen können. Wöchentlich werden die Kontakte in das „Management Tool“ eingegeben, wobei mit Bildern und Piktogrammen gearbeitet wird. Ausserdem finden regelmässig Austausch- und Weiterbildungstreffen der Mediatorinnen statt.

Das Beispiel Nigeria – Erhöhung des Kondomgebrauchs in Bordellen
In dieser Präsentation ging es um die Messbarkeit der HIV/Aids-Präventionsinterventionen in nigerianischen Bordellen. Die Interventionen wurden auch hier in peer-Aktionen ausgeführt, welche von „Action Aid International Nigeria“ organisiert wurden.

Sexarbeiterinnen im gleichen Bordell wurden nach Interventionen in den Jahren 2002, 2004, 2005 und 2006 nach ihrem Kondomgebrauch gefragt (jeweils rund 1'000 Prostituierte). Der Kondomgebrauch erhöhte sich von 76,6% in 2002 auf 87,6% bei der letzten Befragung.

Alle Informationen über das gesamte Programm finden Sie unter www.pepmodel.org

Das Beispiel Zentralamerika – Ausbildung von Aktivistinnen
Zentralamerika ist eines der schlimmsten Pflaster für Sexarbeiterinnen. Gewalt und Ausbeutung gegenüber Prostituierten ist eine tägliche Realität. Da die Verletzung der Menschenrechte und die Schwierigkeiten der HIV-Prävention eng verbunden sind, wurden 20 Aktivistinnen aus Guatemala, El Salvador, Costa Rica, Honduras, Nicaragua und der Dominikanischen Republik als Aktivistinnen ausgebildet. Unterstützt wurden diese Aktivitäten durch die UNFPA und UNAIDS. Die Ausbildung beinhaltete Themen zur Identität von Sexarbeiterinnen,  Menschenrechtsfragen, Organisationsfragen, HIV/Aids, Gender und Gewalt.

Danach wurden Konferenzen durchgeführt, an denen die Situation der Sexarbeiterinnen aufgezeigt wurde. Ausserdem wurde ein „Manual für Sexarbeiterinnen“ erarbeitet. Im Jahre 2007 wurde die oben genannte Ausbildung in jedem Land mit diesem Manual wiederholt, dies für je 155 Kolleginnen.

www.redtrasex.org.ar/principal.htm (in Spanisch)


Das Beispiel Australien – die Sexarbeiterinnen nehmen die HIV-Prävention in die Hand
Schon in den 80er Jahren reagierten Australiens Sexarbeiterinnen schnell auf die Gefahr von HIV mit erhöhtem Kondomgebrauch und „peer to peer“ Ausbildungsprogrammen. Die Finanzierung der Sexarbeiterinnenorganisationen, Gesetzesreformen und die Konsultation der Sexarbeiterinnen bei der Erarbeitung von neuen Verordnungen haben zur Erfolgsgeschichte der HIV-Prävention in Australien beigetragen. Bis heute ist kein einziger Ansteckungsfall im Milieu des Sexwork bekannt.

www.scarletalliance.org.au/


Und in der Schweiz?

Weibliche Sexarbeiterinnen aus dem Ausland - APiS
Migrantinnen im Sexgewerbe sind durch ihre Tätigkeit einem besonderen HIV/Aids-Risiko ausgesetzt. Sprachliche und kulturelle Barrieren verhindern oft ein Verständnis der zentralen, durch die Medien gestreuten Präventionsbotschaften. Das seit mehr als 10 Jahren bestehende „APiS-Angebot“ (Aids-Prävention im Sexgewerbe) sucht diesen Informationsmangel und seine potentiell gravierenden Folgen für Sexarbeiterinnen, Freier und deren Partnerinnen zu beheben. Es basiert auf dem Mediatorinnenmodell: Frauen mit Migrationserfahrung werden ausgebildet und befähigt, als regionale Mediatorinnen bei den Sexarbeiterinnen Präventionsarbeit zu leisten. Durch aufsuchende Arbeit direkt im Milieu gelangen Informationen und Präventionsmaterial unmittelbar an die Zielgruppe.

Weltweit einzigartig: Prävention bei Freiern - Don Juan

Der heterosexuelle Übertragungsweg des HI-Virus ist für über 45% der Neuinfektionen verantwortlich. Männer und Frauen mit wechselnden ungeschützten Sexualkontakten sind einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Mit den Projekten im Rahmen von Don Juan soll das Präventionsbewusstsein bei Freiern gesteigert und somit ein Beitrag zur Reduktion der Neuinfektionen in der heterosexuellen Bevölkerung geleistet werden.

www.don-juan.ch

Advocacy


“The impact of laws against discrimination on the grounds of HIV/AIDS in the workplace” – im Bereich der Diskriminierungen im Arbeitsumfeld bleibt noch viel zu tun.

Heute präsentierte Caroline Suter, Juristin bei der Aids-Hilfe Schweiz, ihr Poster zum Thema der Auswirkungen von Antidiskriminierungsgesetzen im Arbeitsumfeld auf Menschen mit HIV/Aids, welches auf grosses Interesse stiess.

Diskriminierungen von Menschen mit HIV/Aids sind auch in der Schweiz weit verbreitet, wobei Diskriminierungen im Arbeitsumfeld zu den zahlreichsten gehören. Dies zeigte eine Nationalfondsstudie aus dem Jahr 2003 auf eindrückliche Weise und bestätigt sich täglich bei der Rechtsberatung der Aids-Hilfe Schweiz: Gegen 40% der rund 600 Anfragen pro Jahr betreffen Probleme rund um die Erwerbstätigkeit.

Aus diesem Grund wurde in den Jahren 2005 bis 2007 eine weitere Nationalfondsstudie durchgeführt, die sich dem Thema HIV/Aids-Diskriminierungen im Arbeitsumfeld widmete2. In dieser Studie, welche von der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Aids-Hilfe Schweiz durchgeführt wurde, wurde unter anderem ein Rechtsvergleich mit Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, Kanada und der Schweiz durchgeführt. Diese Studie lokalisierte hohes Diskriminierungspotential in Bereichen wie: Bewerbungsverfahren, Abschluss des Arbeitsvertrags, während  und bei Beendigung des Anstellungsverhältnisses.

Empfehlungen

Obwohl die Studienresultate gezeigt haben, dass Antidiskriminierungsgesetze Diskriminierungen aufgrund von HIV oder anderen chronischen Krankheiten nicht zu beseitigen vermögen, darf die Relevanz von solchen Gesetzen nicht unterschätzt werden, einerseits aufgrund des spezifischen individuellen Schutzes, andererseits aufgrund ihres symbolischen Auswirkung auf die Gesellschaft. Die Schweiz sollte deshalb auch ein solches Gesetz implementieren.

2: Pärli/Caplazi/Suter: „Recht gegen HIV/Aids-Diskriminierung im Arbeitsverhältnis“, Verlag Hauptm Bern/Stuttgart/Wien 2007

Das präsentierte Poster (PDF 990KB)


Mexico Highlights von Mittwoch, 6. August 2008.

Die Bestrafung der HIV-Übertragung ist keine Präventionsmassnahme – UNAIDS bekräftigt die Position der Aids-Hilfe Schweiz


Die Kriminalisierung der HIV-Übertragung ist nicht nur in der Schweiz ein Thema für Betroffene und Organisationen, die deren Interessen vertreten. Nicht weniger als neun Symposien und Sessionen sind diesem Thema gewidmet, total 11 Poster werden dazu präsentiert. Die Schweiz spielt allerdings eine führende Rolle in der Bestrafung von HIV-Positiven, und neuerdings sogar von Menschen, die noch nichts von ihrer Infektion wussten. Dies nimmt die Aids-Hilfe Schweiz mit tiefer Besorgnis zur Kenntnis, denn wo die HIV-Übertragung durch einvernehmlichen Sex erfolgte, sind in aller Regel beide Partner in gleicher Weise mitverantwortlich. Es ist deshalb falsch, die gesamte Verantwortung auf den HIV-positiven Partner zu schieben und diesen zu bestrafen. Deshalb ist von der strafrechtlichen Verfolgung abzusehen. Sie führt zu einer Kriminalisierung und einer weiteren Stigmatisierung der HIV-positiven Männer und Frauen in der Schweiz. Diese Position wurde heute Morgen von UNAIDS bekräftigt.

An der heute Morgen durchgeführten „Oral Abstract Session“ mit dem Titel “To Transmit or not to Transmit: Is that Really the Question? Criminalization of HIV Transmission” wurde die rechtliche Situation der HIV-Übertragung in verschiedenen Ländern näher beleuchtet. Dabei waren sich alle Referenten einig: Der weltweite Trend zur Einführung neuer Strafbestimmungen oder Verschärfung der Anwendung von bestehenden Gesetzen gegen Menschen mit HIV ist eine Katastrophe für Präventionsprogramme. Fachexperten sprechen sogar vom „HIL Virus“ (highly ineffective laws) – vom Virus der hoch unwirksamen Gesetze. Allein in Europa wurden in den letzten vier Jahren in 6 weiteren Ländern Gesetzesbestimmungen zur Kriminalisierung der HIV Übertragung eingeführt. Deshalb publizierte die UNAIDS gerade rechtzeitig zur Mexico Konferenz ein neues Policy Brief „Criminalization of HIV Transmission“ in dem auf die Gefährdung der Prävention und der Rechte von Menschen mit HIV durch das Strafgesetz hingewiesen wird. Wie UNAIDS festhält, existieren keine Daten – nicht nur wenige, sondern gar keine – die beweisen, dass das Strafgesetz die HIV Übertragung verhindert. Der hohe Richter Edwin Cameron aus Süd-Afrika hielt an einer Pressekonferenz fest: „Diese Gesetze sind schlecht.“

Dies gilt auch für die Schweiz: Denn die heutige Praxis könnte in der Bevölkerung so interpretiert werden, dass man sich künftig beruhigt auf ungeschützte Sexualkontakte einlassen darf weil ja gemäss Bundesgericht eine einseitige Pflicht für HIV Positive und neuerdings auch für Leute mit riskantem Sexualvorleben besteht die Safer Sex Regeln einzuhalten. Doch Safer Sex Regeln gelten grundsätzlich für alle. HIV kann nicht mit dem Strafrecht bekämpft werden sondern vor allem durch eine Prävention die an die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen appelliert.

Das Strafrecht soll nur bei böswilliger Ansteckung angewendet werden etwa bei den so
genannten «Desperado Fällen», wenn ein HIV Positiver absichtlich andere Menschen mit HIV infiziert, bei Gewalt, einem Abhängigkeitsverhältnis oder aber wenn in einer festen Beziehung der eine Partner dem anderen ein Risikoverhalten verschweigt.


Mexico Highlights von Dienstag, 5. August 2008.

Prävention, Advocacy und Aids Action Europe


Prävention


Mission: Possible! – die Aids-Hilfe Schweiz präsentiert ihr innovatives Präventionsprojekt einem internationalen Publikum

Heute präsentierte Thomas Bucher, Bereichsleiter MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) der Aids-Hilfe Schweiz sein Poster „Mission Possible!“ einem interessierten Fachpublikum an der Internationalen Aids-Konferenz in Mexico-City. Mit Misson:Possible betrat die Aids-Hilfe Schweiz im Februar dieses Jahres Neuland.

Die Grundidee ist einfach: In den ersten Wochen und Monaten nach einer HIV-Infektion – in der sogenannten Primoinfektion -  ist Mann wegen der sehr hohen Viruslast extrem ansteckend. Rund die Hälfte aller positiven schwulen Männer haben sich bei jemandem angesteckt, der selber noch in der Primoinfektion war. Dieser Mechanismus kann durchbrochen werden, wenn alle schwulen Männer gleichzeitig während drei Monaten konsequent die Safer-Sex-Regeln einhalten. Wenn dies gelingt, kommt es in dieser Zeit zu keinen Neuinfektionen und dann gibt es nach Ablauf der Aktion Ende April auch keinen schwulen Mann mehr mit einer hoch ansteckenden Primoinfektion. Eine zentrale Ursache und Quelle der HIV-Epidemie ist damit ausgeschaltet und der Teufelskreis durchbrochen.

Weitere Informationen zu Mission:Possible finden Sie unter www.missionp.ch

Das präsentierte Poster (PDF 881KB)

Advocacy


„Sexual Health of People living with HIV/Aids in Switzerland“ – Wie steht es um die sexuelle Gesundheit der Menschen mit HIV?

Ebenfalls heute präsentierte Sibylle Nideröst, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und Vizepräsidentin der Aids-Hilfe Schweiz die Ergebnisse einer quantitativen, standardisierten, anonymisierten, schriftlichen Befragung zur sexuellen Gesundheit von HIV-positiven Männern und Frauen in der Schweiz. Die Studie wurde von der FHNW in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen HIV Kohorte durchgeführt.

Das Ziel der Studie war das Erarbeiten einer wissenschaftlichen Grundlage für Fachleute aus Medizin und Beratung, um Menschen mit HIV zu helfen um ihre Sexualität zu verbessern.

Einige Ergebnisse in Kürze:
27% der Befragten waren mit ihrer Sexualität unzufrieden. 26% erlebten diese sogar schmerzhaft, meist Frauen. Generell waren heterosexuelle Männer unzufriedener als Männer, die Sex mit Männern haben. 18% aller Befragten gaben sogar an, seit der Diagnose gar keinen Sex mehr zu haben. Für die Forscher nicht überraschend war, dass heterosexuelle Männer und Frauen meist Sex mit ihren festen Partnern hatten, MSM auch mit Gelegenheitspartnern.

Zur sexuellen Gesundheit gehört auch das HIV-Schutzverhalten.
Auf die Frage, was sie nach der HIV-Diagnose in ihrem Sexualverhalten am meisten geändert haben, antworteten über 50% mit der konsequenteren Benutzung von Kondomen. Diese wurden öfter bei Gelegenheitspartnern benutzt als bei festern PartnerInnen.

Rund 65% benutzten regelmässig ein Kondom bei ihren festen PartnerInnen, 72% bei Gelegenheitskontakten. Diese Zahlen könnten verbessert werden. Die AutorInnen schlagen dazu massgeschneiderte Präventionsprogramme für Menschen mit HIV vor, welche genau diese Situationen berücksichtigen. ÄrztInnen und BeraterInnen der Aids-Hilfen müssen weiterhin Zeit und Energie dafür aufwenden, Risiken und Schutzverhalten mit HIV-Positiven Frauen und Männern zu diskutieren.

Das präsentierte Poster  (PDF 34KB)

Aids Action Europe – internationale Vernetzung ist für eine effektive Arbeit unerlässlich


Aids Action Europe ist ein Zusammenschluss von Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) in ganz Europa, welche im Bereich HIV/Aids tätig sind. Ihr Hauptaufgabenbereich umfasst das politische Lobbying und Advocacy Aktivitäten für die Anliegen der Menschen mit HIV und Aids in Europa. Die Aids-Hilfe Schweiz ist ein aktives Mitglied der Organisation und ist durch Harry Witzthum, Abteilungsleiter „Leben mit HIV“, im Steering Committee vertreten.

An der heutigen Tagung von Aids Action Europe stellte Harry Witzthum die Rolle des Steering Committees vor. Am Beispiel des EKAF Statement zeigte er auf, dass Policy-Entscheidungen in einem kleinen Land wie der Schweiz globalen Einfluss auf das Geschehen haben. Andererseits beeinflussen die Erfahrungen in den europäischen Netzwerken die Ausrichtung der HIV/Aids Arbeit in der Schweiz. Klar ist; HIV/Aids ist kein nationales Problem. Es braucht eine paneuropäische Zusammenarbeit auf allen Ebenen.

Die internationale Vernetzung und die aktive Mitarbeit der Aids-Hilfe Schweiz tragen mit dazu bei, die Advocacy Arbeit für alle Menschen mit HIV in unserem Land effektiv zu gestalten.

www.aidsactioneurope.org


Mexico Highlights von Montag, 4. August 2008.

Prävention, Advocacy und Forschung


Prävention

Responding to the HIV Epidemics among Men who have Sex with Men
Seit dem Jahr 2003 nehmen die Ansteckungen bei Männern, die Sex mit Männern haben, laufend zu. Auch im ersten Halbjahr 2007 musste eine weitere Steigerung bei Schweizer Männern zur Kenntnis genommen werden. Das die Schweiz mit dieser Entwicklung nicht alleine steht zeigt die Diskussion auch in Mexico-City. An einer „Oral Abstract Session“ wurden die Erfahrungen aus drei Ländern präsentiert und diskutiert.

Aus Australien wurden zwei innovative Projekte präsentiert, ein Web basiertes und eines, das mit Fragebögen funktioniert.

Im Internet werden junge MSM angesprochen, bevor sie ausgehen. Sie werden aufgefordert, Rollenmodelle in Form von Fotoromanen auf einer Website anzuschauen. Gemäss den Autoren wiesen diejenigen, welche das Programm durchgespielt haben, ein geringeres Risiko für unsafen Sex auf. Die Kurzfragebogen haben zum Ziel, Prädiktoren für unsafen Sex herauszuarbeiten. Bisher wurden folgende gefunden: Marihuana Konsum, Sexual Sensation Seeking, psychische Probleme (wie z.B. Launenhaftigkeit) und Alkoholkonsum. Eine Ausweitung dieser Befragungen ist geplant.

In Peru wird in Armenvierteln und an Schwulentreffpunkten mobiles VCT (Voluntary Counselling and Testing) durchgeführt. Wir kennen das in der Schweiz schon länger, in Südamerika sind solche Projekte aber noch völlig neu.

Ein Bericht aus Togo hat gezeigt, wie unterschiedlich die Sichtweisen auf die HIV/Aids Problematik sind. Die  Regierung wollte ein MSM-Präventionsprojekt nicht bewilligen, weil es in Togo keine schwulen Männer gebe. Schliesslich konnte es doch durchgeführt werden und hat die Notwendigkeit für solche Projekte in Afrika deutlich aufgezeigt. Ein Grund unter anderen: Männer in Afrika glauben, dass HIV/Aids ausschliesslich beim Sex mit Frauen übertragen wird.

Die Schweiz steht mit dem Problem der hohen HIV-Prävalenz unter MSM und den steigenden Neudiagnosen nicht alleine da. Andererseits sind unsere Präventionsprojekte weit fortgeschritten.

Advocacy


Meeting the Prevention Needs of People Living with HIV/Aids
Wenn in der Öffentlichkeit von Prävention die Rede ist, sind meist nur HIV-negative Zielgruppen im Fokus. Dabei geht vergessen, dass auch Menschen mit HIV Präventionsbedürfnisse haben. Zu diesem – auch für die Schweiz – sehr aktuellen Thema wurden an einer „Oral Abstract Session“ aktuelle Studienergebnisse präsentiert:

Eine überwiegende Mehrzahl von Menschen mit HIV, die ihren HIV Status kennt, schützt ihre Sexualpartner/-innen konsequent vor einer HIV Übertragung. Bei einer Minderheit von Menschen mit HIV kommt es aufgrund von erschwerenden Faktoren aber doch zu ungeschütztem Sexualverkehr. Hier kann wirksame Prävention bei Menschen mit HIV ansetzen. Diese ist noch relativ neu, daher gibt es auch noch sehr wenige evaluierte Programme.

Die Session “Meeting the Prevention Needs of People Living with HIV/AIDS” konnte deshalb keine abschliessenden Resultate präsentieren, warf aber ein Schlaglicht auf verschiedene interessante Ansätze:

Beratung hat Präventionswirkung
Die meisten präsentierten Projekte wurden im Kontext von klinischen Settings umgesetzt, wo Menschen mit HIV sich regelmässig zu ärztlichen Kontrollen einfinden. Wirksam zeigten sich Projekte, in denen das medizinische Fachpersonal eigens dafür geschult wurde, Risikoverhalten bei Patienten kompetent und systematisch in den Beratungen anzusprechen. Diese Schulungen von Fachpersonen zeigten, dass Interventionen nachhaltig das Risikoverhalten ihrer Patienten vermindern konnten. Die systematische Erhebung des Risikoverhaltens von Personen mit HIV zeigt einmal mehr Wirkung: Kompetent umgesetzte Beratungen im medizinischen Setting haben Präventionswirkungen.

Studien in Partnerschaften
Eine weitere Studie aus den USA in Afrika konzentrierte sich auf Beziehungen im sero-differenten Paar. Ein Grossteil der Studien basiert auf Beobachtungen von Einzelpersonen. Diese Studie eben nicht, sondern bringt die Partnerschaftsdynamik ins Spiel. Auch die Schweiz zeigte mit der CH.A.T. Studie, dass sich fast 50% der Neuansteckungen in festen Partnerschaften ereignen. Deshalb sollten Präventionsprojekte der Partnerschaft mehr Aufmerksamkeit widmen.

Menschen mit HIV sind keine homogene Gruppe
Zwei weitere Studien aus Afrika und Europa widmeten sich den Faktoren, die bei Menschen mit HIV zu Risikoverhalten führen können. Dabei zeigten sich in beiden Studien ähnliche Ergebnisse: Das sexuelle Risikoverhalten in den verschiedenen Zielgruppen (heterosexuelle Frauen, heterosexuelle Männer, MSM) wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst und Präventionsprogramme müssen sich an diese Faktoren adaptieren. Menschen mit HIV sind keine homogene Gruppe, deshalb gibt es auch keine allgemeingültige Lösung. Studien müssen uns in Zukunft lehren, auf was wir in den verschiedenen Zielgruppen von Menschen mit HIV zu achten haben.

Die Ziele
3 wichtige Ziele der Prävention bei Menschen mit HIV kristallisierten sich in der Session klar heraus:

1.    Förderung einer guten Lebensqualität
2.    Förderung einer gesunden Sexualität
3.    Einbezug von Menschen mit HIV in die Projekte und Programme

Forschung


Vaccines and Microbicides: Where do we go from here?
An der Internationalen Aids-Konferenz 2006 in Toronto wurde der Einsatz von Mikrobiziden schon fast als Wunderwaffe im Einsatz gegen HIV angepriesen und deren Einsatz schon für die nahe Zukunft angekündigt. Doch die Ergebnisse der Studien waren mehr als enttäuschend. Deshalb war das Interesse an diesem Symposium sehr gross.

Bereits die diversen, in Dehli im Frühjahr präsentierten Studienergebnisse zu den sogenannten „topical microbicides“, wurden von den Konferenzteilnehmern mit Ernüchterung zur Kenntnis genommen. Topische Mikrobizide sind Stoffe, welche vaginal angewendet werden können und eine mehr oder weniger hohe Barrierewirkung gegen HI-Viren haben sollen. Heute wurde diese „1. Generation“ von Mikrobiziden nur noch mit historischem Interesse kommentiert. Jetzt ist die 2. Generation angesagt, nämlich antiretrovirale Wirkstoffe, die vaginal oder rektal angewendet werden können. Nebst bereits gut erprobten Wirkstoffen, werden dabei auch ganz neue zum Einsatz kommen: vor kurzem hat die Herstellerfirma des in der Schweiz soeben zugelassenen CCR5-Antagonisten Maraviroc diesen Wirkstoff zum Einsatz in entsprechenden Mikrobizidstudien zu günstigen Bedingungen lizenziert. Hier sind die ersten Studien begonnen worden und es werden hohe Erwartungen in die neuen Wirkstoffe gesetzt. Mit ersten aussagekräftigen Ergebnissen ist frühestens 2010 zu rechnen.

Auch diese neue Strategie der 2. Generation steht allerdings vor grossen Herausforderungen. Zum Einen werden auch die antiretroviralen Mikrobizide wohl kaum treuer benutzt werden als die „topical microbicides“, bei denen in den durchgeführten Studien erhebliche Schwierigkeiten mit der Therapietreue aufgetreten sind. Zum Zweiten ist gegenwärtig noch weitgehend unklar, ob sich der Einsatz von Mikrobiziden auf der Basis von ART-Wirkstoffen negativ auf die Entwicklung von Resistenzen auswirken könnte.


Mexico Highlights von Sonntag, 3. August 2008.

Symposium „HIV Transmission under ART“

Heute stand die Schweiz und ihre Kommission für Aidsfragen EKAF im Zentrum des Interesses an der Internationalen Aids-Konferenz in Mexico City. Die EKAF wurde von der International Aids-Society IAS eingeladen, dieses Symposium zu organisieren. Das Statement der EKAF, welches am 30. Januar 2008 veröffentlicht wurde, hat im In- und Ausland unter Fachleuten und Betroffenen, aber auch in der breiten Bevölkerung Diskussionen ausgelöst.

Zur Erinnerung hier nochmals die Erklärung:

Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) hält auf Antrag der Fachkommission

Klink und Therapie des Bundesamtes für Gesundheit, nach Kenntnisnahme der wissenschaftlichen Fakten und nach eingehender Diskussion fest:

Eine HIV-infizierte Person ohne andere STD unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie (im Folgenden: «wirksame ART») ist sexuell nicht infektiös, d. h., sie gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter, solange folgende Bedingungen erfüllt sind:
  1. die antiretrovirale Therapie (ART) wird durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert;
  2. die Viruslast (VL) liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze (d.h., die Virämie ist supprimiert);
  3. es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STI).
Die gute Nachricht der EKAF betrifft in der Schweiz wenige tausend Personen, welche ganz strenge Vorgaben erfüllen. Für alle andern gelten nach wie vor die Safer Sex Regel: Eindringen immer mit Gummi, kein Sperma oder Blut in den Mund.

Ziel des heutigen Symposiums war es, das EKAF Statement zum HIV-Transmissionsrisiko unter wirksamer antiretroviraler Therapie in einem grösseren Forum unter Fachleuten und Betroffenen zu diskutieren. Das Interesse der Kongressbesucher am Thema war sehr gross, der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. 


Missverständnisse geklärt

Prof. Pietro Vernazza, Präsident der EKAF, nutzte die Gelegenheit, einige Punkte zu klären, welche in der Vergangenheit zu Missverständnissen geführt hatten:

  • Das EKAF Statement hat klar kommentiert, dass eine wirksame antiretrovirale Therapie nicht gleichbedeutend sei mit "kein Kondom notwendig". 
  • Das Statement hat klar gemacht, dass nur ein Teil aller Personen unter wirksamer ART von einem vernachlässigbar kleinen Risiko ausgehen können. Diese Personengruppe hat die EKAF, basierend auf einer wissenschaftlichen Beurteilung der Fachkommission Therapie HIV/AIDS eingeschränkt.
  • Für diese klar umschriebene Personengruppe (Viruslast <50, dies länger als 6 Monate, keine STI) hat die EKAF festgehalten, dass das Transmissionsrisiko in der Grössenordnung der normalen Lebensrisiken ist. Dies entspricht unserem Umgang mit dem Restrisiko beim Oralverkehr.
  • Die EKAF hat in ihrem Statement klar gemacht, dass es der/die nicht infizierte Partner(in) in einer festen Partnerschaft ist, der/die in einem (ärztlich) informierten Zustand die Entscheidung fällen soll und darf, wie er/sie mit diesem Restrisiko umgehen will.
  • Das EKAF Statement hatte auch zum Ziel, der ungerechtfertigten Strafverfolgung  von HIV-positiven Menschen, welche mit ihrem Partner mit dessen Einverständnis ungeschützt Verkehr hatten, ein Ende zu bereiten (versuchte Übertragung einer gefährlichen menschlichen Krankheit, Artikel 231, StGb.)


Die Meinung des Panels
Anschliessend hatten die PanelteilnehmerInnen die Gelegenheit Ihren Standpunkt zum EKAF Statement abzugeben. Als erster kommentierte Prof. Myron S. Cohen von der University of Southern Carolina / USA die Erklärung. Er wünschte sich vor allem spezifische langfristige Studien zum Thema und informierte das Publikum über eine von ihm geplante Studie mit 600 serodifferenten Paaren, welche bis im Jahr 2016 die gewünschten Ergebnisse liefern sollte. Sorgen bereitet ihm die Frage der Resistenzen und des möglichen Aufflammens der Viruslast.

Nancy Padian, Epidemiologin der University of Southern California UCLA beleuchtete das Statement aus der Sicht der Prävention, vor allem aber aus der Sicht der Frauen. Sie erhofft sich dadurch eine Ermutigung zu mehr Tests und Therapien, befürchtet aber, dass der Mann einer Frau seinen Willen – kein Kondom zu benutzen – aufdrängen könnte. Catherine Hankins, Scientific Advisor bei UNAIDS stellte fest, dass die Erklärung nicht auf arme Länder umzusetzen ist.


Abschliessend sprach Nikos Dedes von der European Aids Treatment Group EATG aus der Sicht der Betroffenen. Das Statement hat schon kurz nach der Veröffentlichung bei Menschen mit HIV für grosse Diskussionen gesorgt. Er zog ein durchwegs positives Fazit. Es war ihm vor allem wichtig, endlich das Gefühl und die Last los zu sein, „eine Gefahr für das Leben anderer zu sein“. Weiter sieht er die Möglichkeit der Reduzierung von Stigma und Diskriminierung der HIV-Positiven.

 
Dank an die EKAF
In der Diskussion mit dem Publikum wurde von einigen Betroffenen eine tiefe Dankbarkeit gegenüber der EKAF und ihrem Mut ausgedrückt.

 
Aids-Hilfe Schweiz beurteilt das Statement positiv
Die Aids-Hilfe Schweiz bleibt bei Ihrer positiven Beurteilung dieser Erklärung. Sie ist eine sehr gute Nachricht für diejenigen Menschen mit HIV, welche die genannten Bedingungen erfüllen. Sie ermöglicht es ihnen, ihre Sexualität angstfrei und erfüllt zu leben, auch ohne Kondom. Die betroffenen Frauen und Männer erfahren dadurch eine spürbare Verbesserung ihrer Lebensqualität und einen Abbau der immer noch herrschenden Stigmatisierung.



XVII Internationale Aids-Konferenz

Eine Delegation der Aids-Hilfe Schweiz ist vor Ort mit dabei!

Eine Delegation der Aids-Hilfe Schweiz wird an der Internationalen Aids-Konferenz in Mexico City teilnehmen um sich über den aktuellen Stand und zukünftige Entwicklungen in den Bereichen Prävention und Advocacy sowie über neue Therapieansätze zu informieren.

MitarbeiterInnen der Aids-Hilfe werden folgende Poster präsentieren:



Ihr Medienkontakt in Mexico City:

Thomas Lyssy, Mediensprecher der Aids-Hilfe Schweiz, ist auch in Mexico City für Fragen,
Gespräche und Interviews unter 079 320 90 02 erreichbar.

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