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HIV/Aids und Gesellschaft

Die Gesellschaft und die Betroffenen

Aids berührt Themen wie Sexualität, Prostitution, Homosexualität, Sex ausserhalb fester Beziehungen, Gebrauch illegaler Drogen, Sterben und Tod. Themen und Verhaltensweisen, die gerne verdrängt werden, weil sie unbequem sind, moralisch verwerflich erscheinen oder bedrohlich wirken.

In gleicher Weise werden häufig auch Menschen mit HIV und Aids wahrgenommen: als bedrohlich oder verwerflich. Manchmal sogar von Angehörigen, Freunden und Freundinnen sowie Bekannten. Es kommt vor, dass Eltern ihre erkrankten Kinder im Stich lassen, dass Angehörige der Krankheit nach aussen hin einen weniger «anrüchigen» Namen geben, dass sie alles fern zu halten oder zu verdrängen versuchen, was irgendwie mit der Lebensweise des oder der Erkrankten zu tun hat.
Für Angehörige ist es verständlicherweise schwierig, sich mit der Krankheit Aids und - wie es häufig geschieht - zugleich mit der Homosexualität des Sohnes, homosexuellen Kontakten des Lebenspartners, mit einem untreuen Lebensstil oder mit dem Drogengebrauch eines Familienmitglieds auseinander setzen zu müssen.

Für verschiedene soziale Gruppen unserer Gesellschaft stellen sich zusätzliche Fragen und Probleme.


Homosexuelle
Für Homosexuelle hat sich gesellschaftlich einiges zum Besseren verändert. Viele Schwule und Lesben nutzen die neue Offenheit, indem sie ihr Leben nach eigenen Bedürfnissen gestalten, ihre Partnerschaft registrieren lassen und sich selbstbewusst in der Öffentlichkeit bewegen.

Aus ihrer Mitte kommt zugleich der Einsatz für soziale und rechtliche Verbesserungen, denn immer noch bleibt viel zu tun: Homosexualität ist nämlich für viele Menschen noch lange nichts «Normales», und das bekommen homosexuelle Männer und Frauen auch oft zu spüren - bis hin zu körperlicher Gewalt. Junge Schwule werden zu wenig darin unterstützt, ihre sexuelle Identität zu finden. Das macht es schwer, Selbstwertgefühl zu entwickeln und auf sich selbst zu achten. Aber nur wer sich schätzt, schützt sich.


Drogenkonsumierende
Wer illegale Drogen nimmt, ist nicht zwangsläufig süchtig. Nicht jedes Ausprobieren führt in die Abhän- gigkeit. Wer aber abhängig ist, kann sich sehr schnell in einem Teufelskreis wiederfinden: Drogenhunger oder Entzugserscheinungen, Beschaffungskriminalität und -prostitution, polizeiliche Verfolgung, Haftstrafen, Therapieversuche, Rückfälle. Das Leben in der Drogenszene bedeutet ausserdem Abhängigkeit vom Drogenschwarzmarkt mit seinen Schwankungen in Angebot und Qualität des Stoffs.

Wer Drogen spritzt, muss dies oft unter unhygienischen Bedingungen tun, was ernste gesundheitliche Schäden verursachen kann. Beschaffungsprostituierte und -stricher haben häufig Geschlechtskrankheiten, denn so mancher Freier zahlt mehr für Sex ohne Kondom. Und immer wieder kommt es zu Überdosierungen: nach einem Entzug, wegen der unterschiedlichen Reinheit des Stoffes, weil die Drogen gestreckt sind oder weil mehrere verschiedene Drogen gleichzeitig genommen werden.

Häufig wird angenommen, es gebe nur die Alternativen «Ausstieg durch Therapie» oder «Tod durch die Droge». Tatsache ist, dass viele Drogenkonsumierende ihren Drogengebrauch im Lauf der Zeit von selbst oder mit ambulanter Hilfe aufgeben. Auch die Behandlung mit Ersatzstoffen (Substitution) eröffnet vielen den Weg aus der Illegalität zurück in die Gesellschaft. 


Menschen in Haftanstalten
Im Freiheitsentzug hat sich die Situation drogenkonsumierender Menschen in verschiedenen Anstalten etwas entspannt. Spritzen- und Kondomabgabe sind kein Tabu mehr. Dennoch werden angemessene Vorbeugemassnahmen durch die besondere Situation im Freiheitsentzug erschwert. Angst und Misstrauen kennzeichnen die Gefängnisatmosphäre und erschweren die dringend nötige Information und Beratung.

Die Verantwortlichen haben das Problem erkannt und stellen inzwischen Präservative oft auch gratis zur Verfügung. Einige Vollzugsanstalten sind ausserdem dazu übergegangen, sauberes Injektionsmaterial zur Verfügung zu stellen, um Übertragungen u.a. des HI-Virus durch die Weitergabe infizierter Spritzen zu verhindern. Ein juristisches Gutachten des Bundesamtes für Justiz unterstützt dieses Vorgehen: Spritzenabgabe im Gefängnis ist legal. Die flächendeckende Abgabe in allen Untersuchungs- und Vollzugsanstalten muss deshalb auch umgesetzt werden.


Migranten und Migrantinnen
Besonders schlecht sieht es für HIV-Infizierte aus, die aus Entwicklungsländern oder aus Regionen wie Zentral- und Osteuropa kommen und kein gesichertes Aufenthaltsrecht haben. Oft wird ihre Infektion erst hier festgestellt, wenn sich bereits erste Symptome zeigen. Viele sind keiner der Landessprachen mächtig, mit dem hiesigen Gesundheits- und Sozialsystem nicht vertraut und haben belastende Erfahrungen wie Krieg, Folter und Hunger im Gepäck. Von den Beratungsstellen und Aids-Hilfen bekommen sie Unterstützung, doch geht das Problem weit über HIV und Aids hinaus. Wo der Aufenthalt in der Schweiz nicht gesichert  und die Zukunft ungewiss ist, wo die materiellen Lebensverhältnisse prekär sind und ein Netz von Verwandten oder Freunden fehlt, ist die Gesundheit  und somit das Thema HIV/Aids von nachgeordneter Bedeutung. Hinzu kommt,  dass nach dem Asylgesetz die freie Arztwahl für Asylsuchende eingeschränkt ist.  


Allgemeinbevölkerung
Die Zahl der infizierten Frauen und Männer, die aus keiner der bisher genannten Gruppen kommen, steigt. Anders als etwa Homosexuelle oder Drogenkonsumierende aber eint sie weder das Bewusstsein, einer Minderheit anzugehören, noch die damit verbundene Erfahrung, diskriminiert zu werden. Als vereinzelte Infizierte in der so genannten Normalbevölkerung sehen sie sich mit ihren Problemen oft allein gelassen. Angst vor Ausgrenzung macht es ihnen schwer, «offen positiv» zu leben. Manche verschweigen die Infektion, um Kinder und Familie vor Diskriminierung zu schützen. In vielen Regionen der Schweiz gibt es Treffpunkte für HIV-Positive; hier können infizierte Menschen aus der Normalbevölkerung anderen in der gleichen Situation begegnen und sich mit ihnen austauschen. Die Aids-Hilfen der Region kennen die Adressen